Elternarbeit

Ich versuche mich mal im Perspektivwechsel: Ich glaube, für Eltern ist es im Umgang mit erwachsenen AutistInnen manchmal gar nicht einfach, genauso wie es für AutistInnen in der Selbsthilfe nicht immer so einfach ist, den Kontakt zu Eltern auszuhalten. Viele Triggerpunkte werden gedrückt, auf beiden Seiten.

Es ist oft ein regelrechter Kulturschock und gerade diejenigen AutistInnen, für die ein achtsamer Umgang mit autistischen Bedürfnissen maßgebend ist, stellen einige Eltern vor eine große Herausforderung. Viele von uns fordern einen Umgang abseits von „auch einE AutistIn muss das lernen“, aber es ist oft schwer, sich vom gesellschaftlich geprägten Umgang mit Kindern zu verabschieden. Das ist mit vielen Ängsten, aber auch Vorurteilen verbunden, und nicht zuletzt stecken Eltern oft viel zu sehr selbst in diesen Mustern.

 

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft, und wir alle kennen die Folgen. Aber genau diese Gesellschaft übt permanent Druck auf Eltern aus. Das geht grundsätzlich allen Eltern so. Aber insbesondere Eltern neurodivergenter Kinder können sich oft vor der Fülle an vermeintlich gut gemeinten Ratschlägen kaum retten. Am besten plant man den Lebensweg des Kindes bereits im Kindergarten, bereitet es auf das Leben da draußen vor und stellt bereits möglichst viele Weichen. Das verunsichert Eltern enorm und verleitet sich auch dazu, in einer Art auf ihre Kinder zu reagieren, wie sie es vielleicht von sich aus gar nicht tun würden. Nicht nur Eltern untereinander tun sich da meist keinen Gefallen, auch in den Medien wird das Thema Erziehung immer kontrovers diskutiert. Häufig wird Menschen dabei vermittelt, dass ein bedürfnisorientierter Umgang unweigerlich zur Folge hat, dass man sich einen kleinen Tyrannen heranzieht. Das kann ja niemand wollen. Ich hatte früher oft das Gefühl, ein Teil meiner Elternschaft besteht darin, es so zu machen, dass ich niemandem Anlass zur Kritik geben kann. Funktioniert natürlich nicht. Aber ich war als Mutter in den ersten Jahren wenig selbstbewusst.

Aber gerade dadurch bot ich die ideale Angriffsfläche. Ich hasste es. ErgotherapeutInnen, die mir im voll besetzten Wartezimmer Dinge sagten wie: „Sie müssen mit ihrem Kind mehr in die Konfrontation gehen!“ oder ÄrztInnen, die die Festhaltetherapie (ausgeführt an meinem Kind) damit rechtfertigten, dass dies eine Therapieform für Kinder sei, die keine Grenzen kennen. Von allerlei Tipps aus dem privaten oder familiären Umfeld mal ganz abgesehen. Das war ja schon fast Alltag.

Ich dachte jahrelang, dass ich alles grundlegend falsch mache. Niemand bestärkte mich. Manche Eltern brauchen das nicht, ich hätte es gebraucht. Dabei müsste ich es als Sozialpädagogin mit Montessori-Diplom doch besser wissen. Viele Situationen bei ÄrzteInnen, ErgotherapeutInnen, LehrerInnen oder einfach auch im privaten Umfeld empfand ich als demütigend. Nicht nur, dass man meine Leistung als Mutter wertete, auch mein Kind wurde dadurch als unerzogen, frech, bockig und dergleichen kategorisiert. Kinder werden sehr schnell, auch ohne Diagnose, in eine Schublade gesteckt. Sie sind dann eben herausfordernd, und diejenigen, die von ihrem Umfeld als anstrengend empfunden werden.

Ich versuchte alles mögliche im Umgang und sicher tat ich meinem Kind dabei oft Unrecht. Wenn wir  beispielsweise mal wieder eine Phase mit vielen Beißattacken hatten, dachte ich, ich müsste nur streng sein und durchgreifen, dann passiert das nicht mehr. Damals nahm mich niemand an die Hand (sinnbildlich) und erklärte mir, dass Verhalten immer einen Grund hat, und dass das Verhalten ein Symptom dafür ist, wie es dem Kind geht. Selbst in einigen Autismus-Selbsthilfegruppen liest man dann Dinge wie: „Bei mir würde es das nicht geben.“ Heißt im Endeffekt auch nichts anderes, als dass man sein Kind nicht im Griff hat. Man muss es leider so sagen: Das sind dann häufig auch die Gruppen, in denen sich über die Kinder in der Hauptsache ausgelassen wird. AutistInnen sind in solchen Gruppen meist weniger aktiv oder werden klassisch ignoriert.

Rückblickend hat mein Kind so lange gebissen, wie er mit seiner Umwelt und den Anforderungen überfordert war. Es war ein Verteidigungsmechanismus, und es stand keine andere Strategie zur Verfügung.

So erging es uns mit vielen Dingen. Dabei agierten wir als Eltern oft verunsichert und auch nicht wirklich berechenbar. Wir versuchten etliche Strategien und waren dabei doch kaum authentisch. Damit gaben wir unserem Kind erst recht nicht die Sicherheit, die es brauchte, mal ganz abgesehen davon, dass wir noch kein Gespür für autistische Bedürfnisse hatten. Das ist heute anders, aber auch das war ein Prozess.

 

Heute ist Verstehen für mich immer der erste Schritt dahin, ein Problem anzugehen. Dabei finde ich auch wichtig, das Kind mit seinem Verhalten nicht als Problem anzusehen.

Das lernte ich zuerst durch den Umgang mit anderen AutistInnen. Niemand aus dem pädagogisch-/therapeutischen Bereich vermittelte mir in den ersten Jahren diese Sichtweise. Dort ging es immer nur darum, ein Verhalten „abzustellen“.

Auch für mich war das anfangs alles andere als leicht. Im ersten Moment ist es nämlich nichts anderes, als sonst. Auch hier trifft man wieder auf Menschen, die jede Menge gute Ratschläge verteilen, und das auch noch meist wenig „diplomatisch“. Der Gedanke, dass man also wieder nur von Menschen umgeben ist, die meinen, es besser zu wissen, kann dabei schnell entstehen. Das alleine ist schon nicht so einfach, zudem muss man sich unter Umständen auch eingestehen, aufgrund des Drucks von außen, oder weil man grundsätzlich von der Einstellung her anders veranlagt ist, dem eigenen Kind keine Hilfe oder Stütze gewesen zu sein. Manchmal gibt man auch unbewusst internalisierte Muster weiter, die bei genauerem Hinsehen alles andere als hilfreich sind. Viele Menschen haben den Leistungsdruck und Anpassungsgedanken sehr stark verinnerlicht und es ist nicht leicht, diese Muster zu durchbrechen. Sich unter Umständen dessen bewusst zu werden, kann ein schmerzhafter Prozess sein. AutistInnen weisen in Selbsthilfegruppen oft sehr deutlich darauf hin, welche ihrer Erfahrungen traumatisch waren und wie Eltern durch ihr Verhalten diese Triggerpunkte drücken, da sie solche Dinge immer wieder reproduzieren. Gerade der Wunsch vieler Eltern, dass ihre Kinder gut durchs Leben gehen und etwas erreichen, schlägt oft darin um, dies über eine möglichst maximale Anpassung zu erreichen. Die Vorstellung, sich nicht den gängigen Normen und Mustern zu unterwerfen, wirkt auf manche völlig absurd. Wieder andere können den Gedanken zwar nachvollziehen, haben aber Ängste, diesen Weg zu beschreiten. Die Prioritäten anders zu setzen und auch alternative Wege als gangbar zu erkennen, ist dabei ein Prozess, den viele aber früher oder später gehen müssen.

 

Ich weiß, durch Rückmeldungen, dass viele meinen Content auf diesem Blog als hilfreich empfinden. Auch wenn man das nicht merken sollte, aber dass ich an diesem Punkt angekommen bin, ist wirklich noch gar nicht so lange her. Ich war auch mal eine Mutter, die nicht den Leidensdruck des Kindes erkannte, und vor allem auf den eigenen Stress fokussiert war. Ich hatte sehr wenig Gespür für die Bedürfnisse meines Kindes. Zwar spürte ich eine Abneigung gegen jegliche der Anpassung an gesellschaftliche Normen, hatte aber noch viel zu große Ängste, mich von klassischen Vorstellungen und Zielen zu verabschieden. Ich hatte Anpassungsdruck und Perfektionismus absolut verinnerlicht, hatte aber schon eine Ahnung davon, dass das auch mir alles andere als gut tat.

Aber es gab einen Punkt, an dem wir so nicht mehr weitermachen konnten. Wir wollten uns dem nicht mehr unterwerfen, denn wir hatten ein Kind in der absolut schlimmsten Krise und dahin hat uns auch die Vorstellung und der Druck durch andere gebracht, dass auch autistische Kinder dies oder jenes lernen müssten, und sich eben anzupassen hätten, weil die Gesellschaft darauf keine Rücksicht nehmen könnte.

Letzteres ist ein klassisches Argument all jener Menschen, die sich im Grunde dieser Sichtweise ergeben. Unsere Gesellschaft sei eben nicht so, und man könne da keine Akzeptanz oder gar Rücksicht erwarten. Heißt im Umkehrschluss, dass wir es also akzeptieren, dass sehr viele autistische Kinder aus ihrer Kindheit traumatisiert und mit einigen komorbiden Diagnosen hervorgehen? Weil man nicht erwarten kann, dass diese Gesellschaft auch nur ein wenig Rücksicht nimmt? Diese Frage muss man sich als Eltern stellen. Will ich das für mein Kind, nur damit am Ende ein gesellschaftlich zufriedenstellendes „Ergebnis“ steht?

Wenn man erst einmal an diesem Punkt angelangt ist, ist es gar nicht mehr so schwer, für sich zu entscheiden, andere Wege zu beschreiten. Und genau dabei helfen erwachsene AutistInnen. Auch wenn es durchaus anfangs zermürbend erscheinen mag, und man den Eindruck bekommt, dass man es auch wieder nur mit einem Haufen Menschen zu tun hat, die einem nichts anderes reflektieren, als dass man alles falsch macht.

Ich weiß, dass diese Art Kontakt nicht für alle Eltern das ist, was sie sich vorstellen. Gerade wenn sie eigentlich nichts verändern möchten, und es auch bequem ist, das Problem beim Kind zu sehen, bleiben diese Eltern nicht lange in unseren Selbsthilfegruppen, sondern suchen sich vielmehr solche, in denen sie mit anderen Eltern darüber in Austausch gehen können, wie schwierig ihr Alltag ist. Wie schwierig dieser Alltag für ihre Kinder ist, spielt erfahrungsgemäß dann eher eine untergeordnete Rolle. Die Anforderungen an das Kind und dessen Bedürfnisse anzupassen, ist nicht von allen Eltern gewünscht. Der Wunsch nach Bestätigung durch andere Eltern ist dann oftmals größer. Auch die Vorstellung, wer in einer Familie das Sagen hat, und wer sich unterzuordnen hat, spielt dabei eine große Rolle. Die Akzeptanz autistischer Bedürfnisse beispielsweise nach bestimmten Abläufen oder sensorische Besonderheiten, wie sie u.a. bei der Körperpflege eine Rolle spielen, haben aber null gemein damit, dem Kind einfach seinen Willen zu lassen. Was es damit auf sich hat, und wie wichtig die Achtung solcher Grenzen ist, können autistische Menschen allerdings häufig so plastisch erklären, dass auch für neurotypische Eltern das Thema bzw. die Problematik nachvollziehbar wird. Diesen Lerneffekt wird man nicht erfahren, wenn man ausschließlich mit anderen Eltern autistischer Kinder in Austausch geht.

Aber so sehr man eben davon profitieren kann, weiß ich auch, wie schwer es fallen kann, sich darauf einzulassen. Ich selbst vergesse manchmal, und zugegebenermaßen fällt mir da auch der Perspektivwechsel schwer, dass nicht jedeR sich am gleichen Punkt dieses Prozesses befinden kann. Für mich sind die Dinge so klar, autistisch zu denken und zu verstehen ist für mich mittlerweile wie meine Muttersprache, dass ich oft nicht erkenne, warum Außenstehenden die gleichen Dinge verborgen bleiben. Ich will Eltern nicht überfordern, aber ich muss gestehen, dass ich hin und wieder vergesse, wie schwer sich manche Eltern tun können. Hinzu kommt, dass ich sehr oft tatsächlich auch angetriggert bin, wenn ich von einem autistischen Kind lese, das offensichtlich großen Leidensdruck hat und ich mir einfach zu gut vorstellen kann, wie es diesem Kind geht, aber das Umfeld der Meinung ist, dass das Kind da eben durch muss. Mit den Folgen muss das Kind leben. Und viele von uns wissen, was das bedeutet.

Aber: Die Anerkennung und Wahrung autistischer Bedürfnisse bedeuten eine Entscheidung für das autistische Kind und dessen seelische Gesundheit.

2 Kommentare zu „Elternarbeit“

  1. Ich bin Tomi aus Berlin und wurde vor einem Jahr mit 57 diagnostiziert. Auch hatte ich traumatische Erlebnisse erst als Erwachsener. Mein Lebenspartner war ein forensischer Psycho der mich am Ende eingesperrt und misshandelt hat. Aber als Kind war die Welt in Ordnung , mein Vater ist wahrscheinlich Asperger und mir wurden keine Zwänge auferlegt. Heute engagiere ich mich in der Autismus-Selbsthilfe. Viele in unseren Gruppen haben heute noch Probleme die von den Erziehungsmassnahmen zum „Normalen“ kommen. Deine Beiträge sind somit eine echte Hilfe um eine eine positive Selbstannahme zu erreichen.

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