Bemerkenswert

Zu diesem Blog und über mich

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Während der letzten fast zwanzig Jahre, hatte ich Zeit, mich mit meiner Erkrankung auseinander zu setzen. Mit 16 Jahren fing es an. Von einen auf den anderen Tag hatte ich chronische Migräne. Davor wurde ich nur ab und an Mal von einer Attacke übermannt. Als Kind Schmerzen zu haben, die mich nicht selten zum Weinen gebracht haben, das war zwar schlimm, aber ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, dass ich diese Schmerzen fast täglich haben würde. 

Mit 16 also fing es an und ich fühlte mich oft völlig ausgeliefert. Damals hatte ich auch noch keine wirksame Akutmedikation. Aus Verzweiflung habe ich bis zu 10 Tabletten am Tag von den gängigen Schmerzmitteln konsumiert, obwohl ich wusste, dass sie nicht helfen werden. 

Ich ging zur Schule, machte mein Abitur, fing eine Ausbildung an und wechselte dann in ein Studium. Das alles begleitet von vielen Fehlzeiten. In der Schule fehlte ich meist zu den Randstunden, also entweder früh am Morgen oder spät am Nachmittag. Das Abitur habe ich trotzdem mit vergleichsweise wenig Anstrengung geschafft. 

Später im Studium (Sozialpädagogik) konnte ich mir vieles selbst einteilen und wenn ich gefehlt habe, so fiel das meist nicht auf. Damals konnte ich meinen Alltag mit den Schmerzen ganz gut regeln, schwierig wurde es erst im Job. 

Ich hatte mir einen anstrengenden Beruf ausgesucht. Direkt nach dem Studium arbeitete ich in einem psychiatrischen Wohnheim. In diesem Job musste ich immer zu Hundert Prozent fit sein, Fehler und Unkonzentriertheit konnte ich mir nicht leisten. Außerdem hatte ich ja auch Kollegen, die sich auf mich verlassen können mussten. 

Es dauerte nicht lange, und es stellte sich ein Negativkreislauf ein. Ständige Migräne-Attacken, übermäßiger Stress im Job, Angst zu versagen und keine Möglichkeit zwischen den Attacken und dem Job zur Ruhe zur kommen. Nach einem Jahr hatte ich mein erstes Burn-Out. Ich fiel zum ersten Mal für mehrere Monate aus. Eine Reha folgte. Danach fing ich mit einer reduzierten Stelle wieder an zu arbeiten. Das ging so irgendwie, auch wenn ich nach wie vor an mindestens 15 Tagen im Monat Attacken hatte. 

Nach einer Zeit wurde ich schwanger, ging in Elternzeit. Während der Elternzeit machte ich eine Zusatzausbildung, weil mir klar war, dass ich nicht länger in der Psychiatrie arbeiten konnte. 

Als ich nach der Elternzeit wieder anfing, zu arbeiten (im neuen Job), fing der Kreislauf von vorne an. Ständige Attacken, die Anforderungen an mich als Mutter, Stress im neuen Job… Wieder Burnout und dazu eine sehr schwere Depression. Wieder Krankschreibung und Reha. Diesmal konnte ich aber nicht mehr arbeiten gehen, zwei Jahre habe ich gebraucht, um mich davon zu erholen. Ich bin dauerhaft arbeitsunfähig und darf laut Gutachter nicht mehr in meinem Beruf arbeiten. 

Seit einiger Zeit plagen mich weitere Schmerzen, ganz difus, es tut mir einfach manchmal der komplette Körper weh. Die jahrelangen chronischen Schmerzen haben wohl eine weiter Erkrankung zur Folge, vermutlich Fibromyalgie.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich der Austausch mit anderen Betroffenen positiv begleitet. Diese Gespräche geben mir sehr viel Kraft und ich genieße es, mich nicht erklären zu müssen. 

Aber ich möchte auch erklären, wie das ist, wenn die Schmerzen den Alltag begleiten. Welche Sorgen ich habe, welche Gedanken mich umtreiben, worüber ich mich ärgere, aber auch was mir Kraft gibt. Manchmal ist mein Kopf so überladen mit diesen Dingen, dass ich schon seit meiner Jugend darüber schreibe, in Form von Tagebuch.

Ich möchte dies auch an andere weiter geben. Ich möchte, dass andere Betroffene sich verstanden fühlen, und dass wir uns austauschen können. Und ich möchte auch Nicht-Betroffene aufklären und verstehen helfen. 

Es wird sicher Berichte geben, die von negativer Stimmung geprägt sind, aber genauso wird es auch die anderen geben. Es geht mir in meinem Leben ja nicht nur schlecht, es gibt vieles, das ich sehr zu schätzen weiß. 

Wenn Ihr wollt, dann begleitet mich ein Stück auf meinem Weg. Ich freue mich auf euch. 

Autismus und die Impflüge – oder: Warum ich als Autistin ein Problem mit der Impfdiskussion habe

Impfdiskussionen sind immer anstrengend. Sie werden hitzig geführt, meist wenig sachlich und faktenorientiert. Es werden die abstrusesten Quellen als Belege herangezogen, von YouTube bis zu recht bekannten Facebook-Seiten. Völlig egal ist hierbei, dass jede Person ohne Fachkenntnis solch ein Video online stellen oder so eine Seite erstellen kann. Es gibt unzählige Bücher aus dem esoterischen Bereich oder aus der Schwurbelecke, die angeblich darüber aufklären, wie gefährlich Impfen denn nun sei. Valide Quellen? Fehlanzeige. Aktuell empfinde ich es wirklich als unerträglich, mit welchen Verschwörungstheorien rund ums Impfen man mal wieder konfrontiert wird.

Dazu muss ich sagen, ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Menschen sich nicht gegen alles impfen lassen, oder auch zb. ihre Kinder erst ab einem bestimmten Alter. Das hat meist Gründe, und die respektiere ich auch. Nicht jeder kann geimpft werden, oder verträgt eine Impfung problemlos. Dass man sich dann nicht ohne Not impfen lässt, ist für mich nachvollziehbar. Darüber will ich auch gar nicht diskutieren.

Womit ich ein Problem habe, ist die permanente Vereinnahmung von Autisten für Anti-Impfpropaganda. Es werden die schlimmsten Geschichten und Theorien verbreitet. Wobei es Theorien eigentlich noch nicht einmal wirklich trifft, denn wenn man sich damit auseinandersetzt, wie es zu dieser Annahme kam, dass bestimmte Impfungen Autismus auslösen, kann man wirklich nur von einem schlechten Märchen reden.

Wie kam es dazu?

1998 veröffentlichte der britische Arzt (mittlerweile in Großbritannien mit einem Berufsverbot belegt) Andrew Wakefield zusammen mit einigen anderen Ärzten einen Artikel, in dem er einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus herleitete. Grundlage hierfür waren zwölf (!) Fälle autistischer Kinder. (Wohlgemerkt, wenn wir von validen Studien reden, dann geht es um mehrere tausend bis hunderttausend Probanden).

Es gab in den darauffolgenden Jahren nicht eine Studie, die diesen Zusammenhang belegen konnte. Im Gegenteil gibt es eine Reihe von Studien, die offen legen, dass es eben keinen Zusammenhang gibt. (So wurden zb. in Dänemark die Daten aller Kinder, die zwischen 1999 und 2010 geboren wurden, ausgewertet. Geimpfte Kinder hatten im Vergleich zu ungeimpften Kindern kein erhöhtes Risiko für ASS.). Zudem stellte sich ein paar Jahr nach Veröffentlichung seines Artikels heraus, dass Wakefield von den Anwälten der Eltern dieser Kinder 55.000£ als Drittmittel erhalten hat. Er sollte den Zusammenhang zwischen dem MMR Impfstoff und Autismus belegen, da die Eltern eine Klage gegen den Hersteller des Impfstoffes anstrebten. Auch erhielt er eine Zahlung von mehreren Hunderttausend Pfund, bereits einige Zeit vor Veröffentlichung des Artikels. Einige Monate vor Veröffentlichung seines Artikels wurden zudem einige Patente für einen Alternativ-Impfstoff angemeldet. Letztendlich wäre dieser aber nur erfolgreich gewesen, wenn die herkömmliche MMR-Impfung in der Öffentlichkeit negativ wahrgenommen würde.

Weiter gibt es zumindest den dringenden Verdacht der bewussten Datenfälschung durch Wakefield. Die Vorwürfe werden mittlerweile durch das britische Ärzteblatt erhärtet, welches diese durch ein Gutachten prüfen lies. Auch soll Wakefield auf einem Kindergeburtstag seiner Kinder anderen Kindern Blut abgenommen und ihnen dafür Geld geboten haben.

In der Folge distanzierten sich einige Co-Autoren von dem 1998 erschienenen Artikel, dieser wurde im Jahr 2010 dann auch vollständig zurück gezogen. Ebenfalls im Jahr 2010 wurde ihm in Großbritannien seine Zulassung entzogen.

Es ging also überhaupt nicht darum, andere Menschen vor eventuellen Folgen zu schützen. Es ging um Profit. Ein gewonnener Prozess gegen den Hersteller und ein Patent auf einen alternativen Impfstoff hätte nicht zuletzt Andrew Wakefield überaus reich gemacht. Es ging hier einzig und allein um Geld und vermutlich eine gehörige Portion Selbstdarstellung.

Apropos Selbstdarstellung: 2016 und 2019 erschienen die Kinofilme Vaxxed und Vaxxed 2. Im ersten Teil führte Andrew Wakefield Regie. In dem Film wird Wakefield als Opfer dargestellt und allerlei Raum für Verschwörungstheorien gegeben. Produziert wurde der Film von einer Organisation, welche unter der Leitung von Wakefield steht.

Wakefields Vorgehen befeuert immer wieder die Entstehung von Verschwörungstheorien rund um das Thema Impfen, und ist in höchstem Maße unwissenschaftlich und unethisch.

Ein weiterer Aspekt: Immer wieder berichten Eltern davon, dass ihre autistischen Kinder auffälliges Verhalten zuerst kurz nach einer MMR-Impfung zeigten. Ähnlich war es auch bei einigen der 12 Kinder, die Wakefield als Beweis heranziehen wollte. Das wird von Impfgegnern natürlich gerne genutzt. Allerdings wird hier aus einer zeitlichen Korrelation zwangsläufig eine Zusammenhang hergestellt. Eine zeitliche Korrelation bedingt aber noch lange keinen Zusammenhang. Die ersten Anzeichen für Autismus werden häufig um den ersten Geburtstag herum offensichtlich (bei einigen früher, bei anderen später). Das entspricht genau dem Zeitpunkt, zu dem die meisten Kinder die erste MMR Impfung erhalten. Bei der ganzen Diskussion werden die Folgen einer Maserninfektion außer Acht gelassen oder billigend in Kauf genommen. Dass dabei nicht nur die eigenen Kinder gefährdet werden, sondern auch andere Menschen, die nicht geimpft werden können, wird nicht gesehen. Die Spätfolgen einer Infektion können verheerend sein, und bis zum Tod führen. Auch wenn natürlich nie ausgeschlossen werden kann, dass es zu einem Impfschaden kommen kann, so ist doch im Vergleich das Risiko bei einer Maserninfektion (Komplikationen und Spätfolgen) um einiges höher.

Dahinter steckt weiter oft auch eine grundlegend ablehnende Haltung gegenüber Pharmakonzernen. Funfact am Rande: Pharmafirmen verdienen an kranken Menschen, und solchen die lebenslang unter den Folgen einer Masernerkrakung leiden viel mehr, als an geimpften Menschen. Ich selbst sehe die Pharmaindustrie auch durchaus nicht unkritisch. Es gibt da sicher einige Dinge, die man bemängeln kann. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass hier schlicht kein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus hergeleitet werden kann.

Hinzu kommt, es finden sich immer wieder einflussreiche Personen, auch in der Politik, die Wakefields Behauptungen unterstützen und verbreiten. So stellte beispielsweise auch Donald Trump eine Verbindung zwischen der MMR-Impfung und Autismus her. Trump gilt als Impfgegner, und unterstützt die Organisation Autism Speaks, welche innerhalb der autistischen Community extrem umstritten ist.

Info: Autism Speaks steht für eine höchst ableistische Sichtweise auf Autismus. So finanziert Autism Speaks auch Forschungen rund um Heilmittel und Pränataldiagnostik. Die meisten Spendengelder, die Autism Speaks erhält, fließen in die oben genannte Forschung, und kommen nicht oder kaum den Eltern bzw. deren Kindern in Form von Unterstützungsmaßnahmen zugute. Auf Veranstaltungen ist immer wieder die Rede davon, dass man von einer Zukunft träume, in der Autismus keine Rolle mehr spiele. Zudem propagiert Autism Speaks die schädliche Therapieform ABA (Applied Behavior Analysis), welche zum Ziel hat, autistisches Verhalten bei Betroffenen maximal zu reduzieren.

Aus autistischer Sicht

Autisten und große Autisten-Verbände distanzieren sich in einer Vielzahl von der „Theorie“, dass die MMR-Impfung Autismus auslösen soll. Das interessiert Impfgegner aber herzlich wenig. Sie setzen sich permanent über Forschung und die Selbstbestimmung von Autisten hinweg, und missbrauchen diese gegen ihren Willen für ihre Anti-Impfpropaganda. Es ist ihnen egal, was Autisten dazu sagen, und es ist ihnen egal, dass die Forschung diese „Theorie“ schon mehrfach widerlegt hat. Es wird unumwunden daran festgehalten, dass die MMR-Impfung Autismus auslöst. In der Folge werden Eltern betroffener Kinder massiv verunsichert, sowie die Eltern, die eine Entscheidung für oder gegen das Impfen treffen müssen.

Ich finde, Autisten haben Besseres verdient! Denn hinter all dem steht letztendlich die Aussage: lieber ein totes Kind, als ein autistisches Kind. Autisten sind nicht das Übel der Welt, das es zu vermeiden und auszurotten gilt. Man muss sich mal vorstellen, mit welcher Sicht auf Autismus man Betroffenen damit begegnet, mit welcher Sicht auf Autismus manche Eltern ihren betroffenen Kindern begegnen. Wir sind kein Impfschaden!

Ich bin es leid, diese wirklich teilweise menschenverachtenden Aussagen zu lesen. Ich bin es leid, wie junge Eltern verunsichert werden. Es macht mich wütend, wenn ich von einem Anstieg der Maserninfektionen lese.

Jede Diskussion mit Impfgegnern läuft ähnlich ab. Man sei blind, und soll sich doch endlich mal informieren (am besten auf YouTube oder ähnlichen Plattformen). Man selbst würde kritisch hinterfragen (seltsam nur, dass all die fragwürdigen Quellen, die dann angebracht werden, in ihrer Gänze überhaupt nicht kritisch hinterfragt werden). Es werden schlicht keine Beweise geliefert und sämtliche Fakten ignoriert.

Wie bitte kann man auf Grundlage dieser ganzen Vorgeschichte, den aktuellen Forschungsergebnissen und den zahlreichen Weigerungen von Autisten und Autistenverbänden, sich für diesen Betrug vereinnahmen zu lassen, noch ernsthaft die „These“ vertreten, dass die MMR-Impfung (oder aus Sicht von Verschwörungstheoretikern jede beliebige andere Impfung) Autismus auslöst? Das will mir nicht in den Kopf.

In Zeiten von Covid-19 haben Verschwörungstheoretiker mal wieder Hochkonjunktur. Und natürlich, wer hätte auch was anderes erwartet, geht es auch ums Impfen. Und irgendwer haut irgendwann wieder den angeblichen Bezug zu Autismus raus. Ohnehin bin ich mir relativ sicher, dass ein relativ großer Teil der MMR-Kritiker auch bei denen zu finden ist, die eine eventuelle Impfung gegen Covid-19 ablehnen. Es würde mich nicht wundern, wenn das nahtlos ineinander übergeht.

Ich habe mich da stellenweise in Diskussionen stark aufgerieben und es tut mir einfach nicht gut. Ich vermisse den Respekt uns gegenüber und auch für die Wissenschaft. Ich vermisse, dass man uns zuhört. Ich hasse es, wie man über uns hinweg geht. Deswegen werde ich da auch keine Kompromisse mehr eingehen. Gerade online werde ich das auf meinem Profil und auf meinem Blog nicht mehr dulden. Hierzu durfte ich mir in der Vergangenheit schon anhören, dass das ja immer noch ein freies Land sei, man dürfte seine Meinung noch sagen, wir sind ja noch nicht wieder im Dritten Reich angekommen. Ähm ja…Zwei Sachen: diese unsäglichen Nazi-/ und Holocaust-Vergleiche sind nichts anderes als Relativierung von Nazi-Verbrechen. Da bewegt man sich moralisch und ethisch auf ganz dünnem Eis. Und dann die Sache mit der Meinungsfreiheit: Wir reden hier davon, dass Falschaussagen verbreitet und die Wissenschaft geleugnet wird. Das ist keine Meinung! Wenn ich sagen würde, ein Apfel wäre eine Banane, dann wäre das auch falsch. Meinung und Fakten sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Da halte ich mich doch lieber an Fakten, und nicht an irgendwelches Geschwurbel, was im Zweifelsfall für andere Menschen sogar richtig gefährlich werden kann. Wir alle wollen den Schutz einer Gesellschaft genießen. Das bringt immer auch Pflichten mit sich. Das Recht auf Selbstbestimmung endet da, wo es andere gefährdet. Steht übrigens auch im Grundgesetz. Ja genau, DAS Grundgesetz mit dem Verschwörungstheoretiker auf Demos vor der Nase von Polizisten rumwedeln.

Und jetzt geh ich mir Popcorn holen. Und übrigens: wenn die Impfung gegen Covid-19 kommt, werde ich mir dieses Update nicht entgehen lassen.

Anmerkung: ich habe mich hier hauptsächlich auf das Thema Autismus im Zusammenhang mit Impfen beschränkt. Es gibt noch weitere Verschwörungstheorien oder Fake News, die rund um das Thema Impfen verbreitet werden, die sich aber auch mit wenigen Klicks aufklären lassen (zb. Quecksilber in Impfungen, Verwendung von abgetriebenen Föten bei der Herstellung (kein Witz, das wird immer wieder behauptet), Implantate/Chips zur Steuerung der Bevölkerung…), aber das würde hier zur weit führen. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denke aber, die wichtigsten Infos hier zusammengetragen zu haben. Ich möchte hier niemandem zu nahe treten, es geht hier nicht um individuelle Meinungen, sondern um Fakten, auch wenn ich mir stellenweise einen sarkastischen Unterton nicht verkneifen konnte. Ich möchte aber auch aufzeigen, wie man Autisten in dieser Diskussion begegnet und wie man unser Dasein wertet. Respektiert bitte auch, wie das für uns sein muss.

Autismus: Mythen, Vorurteile und Wissenswertes I

Autismus ist ein hoch komplexes Thema. Das Spektrum ist so vielseitig, wie es Autisten gibt. Und obwohl es ein Spektrum ist, nicht jeder Autist alle Merkmale in gleicher Weise und Intensität erfüllt, stolpert man doch immer wieder über Aussagen, wonach eine Diagnose abgesprochen bzw. ausgeschlossen wurde, weil ein bestimmtes Verhalten gezeigt wurde. Selbst sehr viele, nicht alle, Ärzte halten an diesen  Vorurteilen fest. Von jemandem, der sich noch nie mit dem Thema befasst hat, Autismus allenfalls aus dem Fernsehen kennt, erwarte ich keine differenzierte Betrachtungsweise. Auch wenn es für Betroffene und Angehörige oft mühselig ist, wenn ihnen Aussagen begegnen wie „aber er sieht gar nicht autistisch aus“, so wissen sie es einfach nicht besser. Woher auch? Daher ist es wichtig, dass es in der Community einige Autisten gibt, die versuchen aufzuklären. Aber von Fachärzten sollte man solche Dinge eigentlich nicht mehr erwarten können. Und dennoch ist es so. Auch unser Sohn hat einige Jahre seine Diagnose nicht bekommen, weil er Dinge getan hat, die ein Autist angeblich nie tun würde, oder schlicht nicht können kann. Meinem Sohn wurde also jahrelang keine Diagnose gegeben und er hat entsprechend keine Hilfe bekommen können. Und vielen anderen Kindern geht es genauso. Ich kenne Fälle, da wurden den Kindern Diagnosen verweigert, weil diese sich an Seifenblasen erfreuen konnten.
Ich möchte daher hier einige dieser Vorurteile und Mythen aufgreifen und versuchen zu erörtern, woher sie kommen und sie richtig stellen. Dabei wird es sicher immer wieder zu Wiederholungen kommen, einfach weil sich viele Dinge überschneiden oder aber die Begründungen sich ähneln bzw. gleich sind. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sicher kann man zu einzelnen Aspekten geteilter Meinung sein. 
 
Da ich mittlerweile viel mehr Themen gesammelt habe, über die es sich lohnt zu schreiben, wird es zu diesem Thema mehrere Teile geben. In diesem Teil beschäftige ich mich mit den Vorurteilen, auf die man eigentlich am häufigsten trifft. Da ich hier die meisten Aspekte anspreche, wird dieser Blog-Bericht im Vergleich der längste werden. 

 

#1 Autisten schauen nicht in die Augen

Grundsätzlich stimmt es, dass viele Autisten das nicht tun. Mir selbst fällt es sehr schwer und ich habe mir angewöhnt, auf die Lippen oder auf die Nasenspitze zu schauen. Das kommt daher, dass mich der Blick in die Augen sehr anstrengt und ablenkt. Ich kann mich dann nicht darauf konzentrieren, was ich sagen möchte, oder was mein Gegenüber mir erzählt. Wenn ich beim Reden jemandem in die Augen schaue, dann habe ich sehr viele Gedanken gleichzeitig im Kopf, die mich verunsichern. Langweile ich meinen Gesprächspartner, spreche ich zu laut oder überhaupt zu viel? Das strengt mich an, weswegen ich meistens in der Gegend herum schaue, oder wie gesagt auf andere Stellen in der Gesichtsmitte. Sehr angenehm ist für mich die Kommunikation, wenn ich eine Sonnenbrille trage.
Es ist aber nicht so, dass alle Autisten damit Probleme haben, oder grundsätzlich nicht in die Augen schauen. Einige haben es sich auch gezielt antrainiert, manchmal unter großen Anstrengungen. Andere nutzen die selbe Technik wie ich und jemand, der das nicht weiß, wird den Unterschied nicht merken. Aber auch autistische Kinder schaffen es durchaus in die Augen zu schauen, wenn auch einige dies nur sehr kurz tun. Gerade Mädchen sind ja häufig in ihrer sozialen Anpassungsfähigkeit durchaus in der Lage, sich solche Dinge abzuschauen. Auf jeden Fall sollte man einen Autisten nicht zwingen, in die Augen zu schauen, wenn man zum einen Stress für den autistischen Gesprächspartner vermeiden möchte, und zum anderen an einem weiteren ausgewogenen Gespräch interessiert ist.

 

#2 Jeder ist ein bißchen autistisch

Diesen Satz bekommen Betroffene und auch Eltern ständig zu hören. Ich weiß nicht warum, aber es gibt sehr viele Menschen, die wohl das Bedürfnis haben damit auszudrücken, dass alles gar nicht so schlimm wäre. Fakt ist, es stimmt einfach nicht. Es ist ja auch nicht jeder ein bißchen schwanger. Entweder ich bin im Spektrum oder nicht. Allenfalls gibt es noch Menschen, die sich am Rande des Spektrums bewegen oder aufgrund anderer Diagnosen autistische Verhaltensweisen zeigen. Neurotypische Menschen haben wenn überhaupt Spleens oder Macken, aber sie sind nicht autistisch. Wenn jemand zb. jedes Mal kontrolliert, ob die Kaffeemaschine aus ist, dann ist das kein autistisches Verhalten. Dazu gehört viel mehr, als eine winzig kleine Episode im Alltag. Leider ist es aber auch so, dass Menschen sich aufgrund dieser Aussage, völlig zurecht, nicht ernst genommen fühlen. Es negiert letztendlich alles. Jede Herausforderung im Alltag, jeden Stress den wir erleben, jede komorbide Störung und jeden Kampf den wir mit Ärzten und Behörden führen müssen. Nein, das ist nicht vergleichbar mit einem kleinen Spleen.

 

#3 Autisten können keine Empathie empfinden

Diese Aussage wird den meisten Autisten absolut nicht gerecht. Es gibt jedoch durchaus Gründe, warum Autisten in ihren Reaktionen als unempathisch wahrgenommen werden. Das heißt aber nicht, dass Autisten Empathie grundsätzlich fremd ist. Einer der Gründe, warum es zu dieser Schlussfolgerung kommen kann, ist der Umstand, dass einige Autisten Probleme damit haben, Mimik zu erkennen und dementsprechend diese auch nicht einordnen können (übrigens ist es bei einigen Autisten durchaus auch so, dass sie selbst über weniger affektive und reaktive Mimik verfügen. Das war bei mir in der Diagnostik zb. ein Teil, der meinem Autismus zugeordnet wurde.). Wenn man Mimik nicht erkennt oder versteht, wie soll man dann entsprechend immer darauf reagieren können? Erklärt man hingegen, wie es einem aktuell geht und warum, sind viele Autisten in der Lage, darauf zu reagieren.     
Manchmal ist aber auch so, dass Autisten Schwierigkeiten haben, auf Dinge zu reagieren, die sie nicht kennen und entsprechend auch keinen Bezug dazu herstellen können. Der sogenannte Perspektivwechsel kann in solchen Fällen schlechter vollzogen werden. Bei mir ist es durchaus so, dass ich eine Erklärung benötige, und dann kann ich auch besser darauf reagieren oder ein Verhalten einordnen. Allerdings gelingt mir das auch nur dann, wenn meine Perspektive nicht allzu viel Raum einnimmt. Bin ich selbst sehr stark von meinem aktuellen Erleben eingenommen, dann bin ich nur begrenzt in der Lage, einen Perspektivwechsel zu machen. Ein weiterer Aspekt ist, dass doch sehr viele Autisten in ihrer Reaktion nicht immer diplomatisch agieren, sondern direkt und ohne große Ausschmückungen. Diese direkte Art wird häufig als unfreundlich wahrgenommen, dabei ist sie die ehrlichste Art zu kommunizieren, die ich kenne. Wenn ich Eltern eine Gruppe von Autisten für Eltern empfehle, weise ich immer darauf hin, dass die Kommunikation hier anders läuft, als gerade viele neurotypische Menschen es gewohnt sind. Ich gebe zu, das ist für viele irritierend. Es gibt auch Gruppen, die ich definitiv nur den „Fortgeschrittenen“ empfehle, einfach weil man dort noch weniger darauf achtet, sich der neurotypischen Kommunikationsweise anzupassen. Aber eben auch diese Art der Kommunikation kann von einigen als unempathisch angesehen werden. Ansonsten kann man definitiv sagen, dass Autisten untereinander sehr empathisch agieren. Unser Erleben ist teilweise sehr ähnlich und darauf kann man natürlich ganz anders reagieren, als auf Dinge, die man vielleicht nicht versteht oder nachvollziehen kann. Es ist nur verständlich, dass Autisten untereinander Dinge besser nachvollziehen können, als das zwischen Autisten und Allisten (Nicht-Autisten) der Fall ist. Nicht-Autisten verstehen Autisten schließlich auch oft nicht, und können deren Probleme weniger nachvollziehen. Sind sie deswegen gleich unempathisch? Nein, natürlich nicht.

 

#4 Du siehst gar nicht aus, wie ein Autist

Ähm ja, was soll ich dazu sagen. Es gibt keine äußerlichen Merkmale, die auf Autismus hinweisen. Andersherum könnte man auch sagen: du siehst gar nicht aus, wie ein NT. Macht man ja auch nicht, oder?

 

#5 Savantsyndrom (sog. Inselbegabung) vs. Spezialinteressen

Viele Menschen denken, dass nahezu alle Autisten mit einer außergewöhnlichen Gabe, der sogenannten Inselbegabung (Fachbegriff: Savant-Syndrom) gesegnet sind. Dem ist überhaupt nicht so. Das Savant-Syndrom bezeichnet außergewöhnliche Fähigkeiten in einem ganz bestimmten Teilbereich, bei gleichzeitiger geistiger Behinderung oder aber Entwickkungsstörung. Bekannt geworden ist das Savant-Symdrom durch die Medien, beispielsweise durch die Hauptfigur des Films „Rain Man“ oder durch Dr. Shaun Murphy aus der Serie „The good doctor“. Etwa 50% der Savants sollen Autisten sein. Sie kommen aber auch unter den Autisten nur sehr selten vor. Oft wird das Savant-Syndrom mit den sogenannten Spezialinteressen verwechselt, wobei auch da nicht jeder Autist ein ausgewiesenes Spezialinteresse hat. Ein Spezialinteresse bezeichnet ein Gebiet, für das ein Autist ein besonders großes Interesse entwickelt. Es kann dabei sein, dass jemand grundsätzlich nur ein Spezialinteresse hat, oder aber wenn ein Thema sozusagen „durch“ ist, dann kommt das nächste dran. Häufig werden dann zu diesem Thema sehr viele Informationen gesammelt und es fällt um ein Vielfaches leichter, diese Informationen abzuspeichern, als das bei anderen Themen der Fall sein kann. Es fällt auf, dass ein Autist zu diesem Gebiet ein besonders großes Wissen besitzt, sich übermäßig gerne damit beschäftigt und auch äußerst gerne darüber redet. Die Beschäftigung mit dem  Spezialinteresse kann eine sehr entspannende und beruhigende Wirkung haben.
Ein Spezialinteresse kann sich auf alle möglichen Gebiete oder Aktivitäten erstrecken (zb. Mathematik, Informatik, Politik, Geschichte, Literatur, Kunst im Allgemeinen, oder aber spezieller auf zb die Politik eine bestimmten Zeit in den USA, einen bestimmten Künstler oder Autor, eine bestimmte Tierart, eine Sprache, ein Land. Andere wiederum lieben es, sich mit Fahrplänen zu beschäftigen.). Letztendlich gibt es da keine Grenzen. Mein Sohn mochte zb. eine Zeit lang erst Burgen, dann Vulkane, dann die Titanic, dann Dinosaurier, aktuell ist es Batman. Zu jedem Thema haben wir Dokus und Bücher suchen müssen, haben sehr viel gegoogelt und allgemein eigentlich hauptsächlich über dieses Thema miteinander geredet. Autisten beschäftigen sich ungemein gerne mit ihrem Spezialinteresse und reden häufig auch sehr viel darüber. Dabei merken sie nicht immer, ob der Gesprächspartner an dem Thema interessiert ist, oder nicht.  
Ein Spezialinteresse ist keine Obsession, also auch nichts, was man in irgendeiner Form negativ bewerten oder gar unterbinden müsste. Oft gibt es sogar Sicherheit und es beruhigt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Leider gibt es Therapieformen, die zum Ziel haben, Autisten bestmöglich anzupassen und autistisches Verhalten zu minimieren. Oft wird dann mit dem Spezialinteresse gearbeitet in der Form, dass man erst erlaubt, sich mit dem SI zu beschäftigen, wenn man ein bestimmtes Therapieziel erreicht hat (zb in die Augen schauen) . Solche Methoden sind äußerst schädlich. Es gibt überhaupt keinen Grund, einem Autisten etwas zu entziehen oder zu reglementieren, was ihm so gut tut, wie die Beschäftigung mit dem eigenen Spezialinteresse.

 

#6 Alle Autisten sind Mathegenies 

Passend zum Thema Spezialinteresse herrscht oft die Meinung vor, dass Autisten generell total gut in Mathe sind. Das stimmt mit Sicherheit bei einigen, aber längst nicht allen. Es ist nicht einmal so, dass alle Autisten nur auf Naturwissenschaften stehen. Gerade auch für Kunst, Literatur und Geisteswissenschaften können sich viele Autisten begeistern. 

#7 Autismus ist eine Modediagnose 

Diese Aussage kennen vermutlich sehr viele Eltern autistischer Kinder. Sie kommt meist von zwei Personengruppen: Fachpersonal aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie und persönliches Umfeld wie Familie oder Freunde.
Oft ist es ja so, dass Eltern aufgrund eines eigenen Verdachts oder auf Initiative von pädagogischen Fachkräften hin den Kontakt zu entsprechenden Diagnostikstellen suchen. Man äußert dann seinen Verdacht und wünscht sich vor allem, ernst genommen zu werden. Oft musste man Monate auf diesen ersten Termin warten. Und dann fällt dieser Satz…Im persönlichen Umfeld ist der Ablauf im Grunde sehr ähnlich. Die Intention ist sicherlich auch, die Eltern zu beruhigen. Das macht es aber nicht weniger niederschmetternd für Eltern. 
Aber woher kommt diese Annahme denn eigentlich? Es liegt sicher auch an der steigenden Anzahl von Diagnosen. Das hat aber weniger damit zu tun, dass eine Diagnose leichtfertig vergeben wird. Im Gegenteil, die Hürden für eine Diagnose sind nach wie vor sehr hoch. Aber es gibt eben, trotz vieler Ärzte, die scheinbar immer noch an alten Ansichten hängen, auch die gegenteiligen Fälle. Man weiß immer mehr über Autismus, erkennt die Vielfalt des Spektrums und damit auch, dass Autismus sich unterschiedlich zeigt. Das führt schlicht dazu, dass Kinder besser diagnostiziert werden können, und somit auch zu einer steigenden Zahl von Diagnosen.               

#8 Autismus betrifft hauptsächlich Jungs/Männer 

Wenn man rein nach den Zahlen geht, dann sind Jungs etwa viermal häufiger betroffen, als Mädchen. 
Es ist allerdings gut möglich, dass gerade Mädchen häufig als unerkannte Autistinnen durchs Leben gehen. Mädchen sind teilweise besser in der Lage, soziale Verhaltensmuster zu kopieren. Sie wollen häufig nicht auffallen und unterdrücken teilweise in der Folge autistische Verhaltensweisen. Dadurch gelten sie häufig vor allem als schüchtern, ihr Leidensdruck wird nicht erkannt. Das kann für die Biografie fatale Folgen haben. 

#9 Alles eine Sache der Erziehung 

Das ist wohl eines der Dinge, die für Eltern autistischer Kinder am schlimmsten ist. Ihnen wird ihre Erziehungskompetenz abgesprochen. Die Kinder zeigen in der Öffentlichkeit, in der Schule oder aber im Familien- und Freundeskreis ein Verhalten, das anfangs meist als verhaltensauffällig abgestempelt wird. Sie schreien, werden handgreiflich, provozieren, oder aber sie sind schlicht einfach sehr direkt und ordnen sich allgemeinen sozialen Gepflogenheiten nicht so leicht unter (zb die Hand geben zur Begrüßung). Häufig wirkt es so, als wäre dieses Verhalten eine Folge davon, dass das Kind zb. nicht bekommt, was es möchte. Es wird als Trotzverhalten oder Wutanfall abgetan. Und weil dieses Verhalten immer wieder auftritt heißt es oft, die Eltern würden nicht durchgreifen, wären nur nicht konsequent genug und würden einfach alles durch gehen lassen. Oft heißt es sogar, man würde sich als Eltern auf der Diagnose ausruhen, man rechtfertige alles mit der Diagnose. 
Häufig wird ja auch gar nicht gesehen, was Eltern schon alles versucht haben. Egal wie oft sie mit ihrem Kind über das Verhalten sprechen, oder auch mit Konsequenzen reagieren, es heißt sehr oft: „bei mir würde es das nicht geben“ oder „du musst mehr Grenzen setzen“. 
Wenn ein Kind beispielsweise oft beißt, dann gilt das als gemeinhin besonders schlimmes Verhalten eines Kindes. Dabei wird gerne vergessen, dass es auch beim Kind Gründe gibt, sich so zu verhalten. In den wenigstens Fällen geht es hierbei darum, dass ein Kind trotzig reagiert. Es geht vielmehr um Leidensdruck. Verhalten ist immer ein Symptom dafür, wie es dem Kind geht. Und einem autistischen Kind im Overload oder vor allem in einem Meltdown geht es extrem schlecht. Es geht zum Angriff über oder versucht aus der Situation zu flüchten. Häufig ist es eine vermeintlich kleine Sache, die das Fass zum überlaufen bringt (rw). Wenn der Plan, den ein Kind sich im Kopf zurecht gelegt hat, durchkreuzt wird, dann kann das reichen, um dieses Verhalten auszulösen. Dabei kann es sich auch darum handeln, dass ein Kind beim Einkauf nicht wie sonst üblich ein Überraschungsei bekommt. Wenn es aber immer so war, und das Kind damit rechnete, auch um den Einkauf überhaupt zu überstehen, dann kann dies ein Auslöser für einen Meltdown sein. 
Eine andere relativ typische Situation ist, wenn autistische Kinder beim Einkaufen generell sehr unruhig reagieren, in dem sie zb. laut sind, viel hüpfen und rennen, am Einkaufswagen ruckeln und ständig signalisieren, dass die Situation so schnell wie möglich beendet werden muss. Dabei erntet man als Eltern immer böse Blicke. Ich kann mich an eine Situation erinnern, in der sich jemand empörte, weil mein Sohn, im Einkaufswagen sitzend, um sich getreten hat. Es ist unglaublich schlimm, wenn man in dieser Situation versucht, seinem Kind zu helfen, dabei selbst oft gestresst reagiert, und dann das Umfeld auch noch abfällige Bemerkungen macht. Man braucht als Elternteil in dem Moment alles an Energie für das Kind, um es so sicher und schnell wie möglich aus der Situation bringen zu können. Ich habe auch schon bei einem öffentlichen Meltdown erlebt, dass Menschen stehen geblieben sind und gestarrt haben, trotz Aufforderung doch bitte weiter zu gehen. Was man in dem Moment als Außenstehender tun kann, ist entweder das Ganze zu ignorieren oder aber Hilfe anzubieten (was uns zum Glück auch schon passiert ist). 
Egal um welche Situation es sich handelt, das Kind verspürt großen Leidensdruck, weil es zb. entweder mit Reizen überflutet ist, die Situation sich der eigenen Kontrolle entzieht oder die Situation sich plötzlich und unerwartet verändert. Den Stress, den ein autistisches Kind in dem Moment aushalten muss, kann sich kein neurotypischer Mensch wirklich vorstellen. Kinder reagieren dann impulsiv, nicht rational und mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, und ihnen vertraut sind.
Autistische Kinder sind nicht schlecht erzogen, nur weil sie ein Verhalten zeigen, das Außenstehende nicht nachvollziehen können. Und ihre Eltern sind nicht weniger gute Eltern als andere. Sie bemühen sich nach Kräften und versuchen oft, ihre Kinder vor diesen Situationen zu schützen. Die Mittel, die man als Eltern dabei nutzt, sind für andere wahrscheinlich nicht immer nachvollziehbar. Wenn mein Sohn sich beispielsweise provozierend verhält, und nicht gerade nett reagiert, ist das für mich ein Zeichen, dass es ihm nicht gut geht. Meine Aufgabe als Mutter sehe ich darin, ihn dann aufzufangen (soweit das möglich ist). Das kann ich in dieser Situation aber nicht, indem ich ihn auf sein Zimmer schicke, den Fernseher ausmache und anfange zu schimpfen. Ich frage ihn stattdessen, was ich ihm gutes tun kann. Ich muss ihm da raus helfen, weil er es alleine in dem Moment nicht kann.

Niemandem, weder den Eltern noch den Kindern ist damit geholfen, das Verhalten zu verurteilen und die Erziehungskompetenz in Frage zu stellen. Praktische Hilfsangebote sind immer hilfreich. Kann man vielleicht den Einkauf tragen, damit ein Elternteil sich kümmern kann. Oder aber man hilft schnell, den Einkauf vom Band an der Kasse in die Tüte zu räumen, damit Eltern und Kind die Situation schnell verlassen können. Es gibt unzählige kleine Dinge, die für Eltern und Kind in dem Moment wirklich eine Entlastung sind. Wir Eltern freuen uns darüber, wenn uns Hilfe angeboten wird. 

#10 Du schaukelst ja gar nicht – Stimming und stereotype Verhaltensweisen

Die meisten Menschen denken ja, dass alle Autisten Schaukelbewegungen machen, und mit den Händen flattern. Dem ist nicht so, längst nicht alle Autisten nutzen diese Bewegungen. 
Das, was ich hier beschreibe findet man immer, wenn man stereotype Verhaltensweisen googelt. Ich kenne das eher unter dem Begriff Stimming. Ich habe lange überlegt, ob es da eine Abgrenzung gibt oder Unterschiede. Ich selbst kann da ehrlich gesagt für mich keine sinnvolle Abgrenzung erkennen, außer vielleicht, dass man unter stereotype Verhaltensweisen sehr markante, wie oben beschriebene Verhaltensweisen versteht. Wenn man sich Beschreibungen dazu durchliest, dann fallen darunter mit dem Oberkörper schaukeln, mit den Händen flattern, im Kreis drehen, klatschen, das Wiederholen von bestimmten Geräuschen. 
(Bei dem Wiederholen von ganzen Handlungen und dem Festhalten an Routinen spricht man von repetitiven Verhaltensweisen.)    
Aber wie gesagt, ich kann diese Dinge nicht wirklich vom sogenannten Stimming abgrenzen. Wenn wir diese Verhaltensweisen unter dem Begriff Stimming betrachten, dann wird deutlich, welchen Zweck sie erfüllen. Unter Stimming versteht man eine Art des selbst stimulierenden Verhaltens oder Selbstregulation, was in verschiedenen Situationen (positiver und negativer Stress, emotionaler und sensorischer Overload, Aufregung) auftreten kann. Stimming ist wesentlich vielfältiger, weswegen ich finde, dass der Begriff Stereotype in seiner Ausprägung und Bedeutung dem Ganzen nicht so ganz gerecht wird. Stimming kann sich durch oben genannte Verhaltensweisen zeigen, aber auch wesentlich verdeckter sein, oder aber auch ganz andere Sinne ansprechen. Ich persönlich mache sogar eine Art inneres Stimming: ich fahre in Gedanken immer wieder Muster und geometrische Figuren nach. Das mache ich über viele Stunden am Tag, teilweise schon automatisiert. Auch mache ich mit dem Daumen eine kreisende Bewegungen an der Fingerkuppe meines Mittelfingers. Sowas fällt den meisten Menschen aber gar nicht auf. 
Unter Stimming kann also fallen: 

  • mit den Händen flattern 
  • mit dem Oberkörper schaukeln
  • klatschen 
  • im Kreis drehen oder laufen 
  • Geräusche machen 
  • Bewegungen mit dem Finger, wie zb kreisende Bewegungen oder Finger kneten
  • schmerzhafte Reize setzen wie zb. sich selbst beißen oder kratzen 
  • sich mit der Zunge über die Lippe lecken 
  • pfeifen 
  • Reiben von Oberflächen (hier geht eigentlich alles, was von der jeweiligen Person als angenehm empfunden wird) 
  • Mit den Füßen oder Beinen wippen 
  • klopfen 

Stimming hilft einem Autisten vor allem, sich in Stresssituationen vor Reizüberflutung zu schützen. Dieses Verhalten ist sozusagen ein Alltagsbegleiter und sollte niemals von außen unterbrochen werden. Wird das Stimming gestört oder unterbunden führt das zu sehr großem Stress, der im Zweifelsfall einen Meltdown auslösen kann. Je gestresster ein Autist, desto mehr wird er davon Gebrauch machen. Das kann für Außenstehende also auch ein Zeichen dafür sein, dass es dem Betroffenen nicht gut geht. Helfen kann man in dem Fall, in dem man für Rückzug in eine reizarme Umgebung sorgt, vor den Blicken anderer Menschen schützt und das Stimming einfach annimmt als ein Hilfsmittel, welches einem Autisten ermöglicht, die Situation zu meistern. 

Fazit: Das Thema ist riesig, ich könnte endlos hier weiter schreiben. Aber um die Geduld und die Konzentration nicht übermäßig zu strapazieren, wird es weitere Teile geben. Ich werde dabei immer inhaltlich passende Bereiche zusammenfügen, so dass es dann noch um folgende Aspekte gehen soll: Emotionen und Soziales, Labels und Etiketten, Schwurbel und schadhafte „Therapien“, sowie den Bereich Kommunikation. 

 

 

 

 

 

 

 

Autismus und Freundschaft

Es gibt ja so ein Vorurteil, dass Autisten generell eher ungesellige Menschen sind, Einzelgänger und keine Freunde haben oder brauchen. Wie so vieles, was man allgemein über Autismus sagt, stimmt das nur bedingt bzw. trifft das längst nicht auf alle Autisten zu. Es ist häufig einfach falsch, dass Autisten sich keine Freundschaften wünschen. Es fällt ihnen nur nicht immer leicht, Kontakte zu knüpfen und aufrecht zu erhalten. Gerade autistische Kinder leiden oft darunter, wenn sie wenige oder gar keine Freunde haben. Sie sehen die anderen Kinder in Gruppen spielen, sehen wie sie zusammen feiern und all diese Dinge; und sie sind oft eben außen vor und finden keinen Zugang zur Gemeinschaft, oder ihnen wird der Zugang verwehrt. Es gibt natürlich Autisten, die sich selbst genug sind, aber sehr vielen sind Freundschaften genauso wichtig, wie nicht-autistischen Menschen.

Während der Corona Pandemie wird in der Community ziemlich gewitzelt, dass es für Autisten ja quasi völlig unproblematisch sei, mit den aktuellen Bedingungen umzugehen. Ist ja nicht so, dass wir keinen Humor hätten, wir können selbst sehr gut mit Vorurteilen und auch sicher vorhandenen Eigenarten kokettieren.

Was mich betrifft, ich habe Freunde, auch nicht nur ein oder zwei, und meine Freundschaften sind sehr innig. Bis ich mir einen Freundeskreis aufgebaut habe, hat es allerdings gedauert. Ich hatte zwar seit dem Kindergarten immer wieder Freundinnen, aber die Freundschaften hatten über die Jahre keinen Bestand. Entweder man entwickelte sich einfach auseinander, oder aber es lief am Ende auf Streit, Mobbing und Intrigen hinaus. Letzteres hat mich im Umgang mit Freundschaft und überhaupt im sozialen Miteinander sehr negativ geprägt. Es fällt mir schwer, wirklich zu vertrauen. Das liegt nicht an meinen Freunden, sondern einfach daran, dass ich permanente positive Signale im persönlichen Austausch brauche, um mich wirklich in der Beziehung sicher fühlen zu können. (Dazu habe ich bereits in meinem letzten Beitrag berichtet).

Ansonsten finde ich wichtig, dass auch gerade Autisten Freundschaften oft auf unterschiedliche Arten pflegen können. Das muss der Freundschaft an sich überhaupt keinen Abbruch tun, wenn man zb. hauptsächlich über Chats von Onlinespielen kommuniziert. Auch das sind dann wichtige soziale Kontakte, einigen ermöglicht es durchaus überhaupt erst, in Kontakt zu kommen. Ich persönlich tue mich sehr viel leichter, meine Kontakte online aufzubauen und dann ggf. ins Real Life zu übertragen. So habe ich mich damals nach unserem Umzug in der neuen Umgebung sozial integriert. Über lokale Facebook-Gruppen bin ich in den ersten Kontakt gekommen und habe so einige sehr tolle Menschen kennengelernt. Daraus haben sich über die Jahre sehr innige Freundschaften entwickelt. Ich kann in Facebook- Gruppen sehr gut in Kontakt gehen, allerdings liegt es mir zb. überhaupt nicht, dass ich eine Freundschaft gut aufrecht erhalte, indem ich mich proaktiv melde, einfach mal anrufe und dergleichen. Das wissen aber meine Freunde, wir bleiben dann über die Gruppen oder mein Profil in Kontakt. Überhaupt wissen meine Freunde mittlerweile sehr gut, wie sie solche Dinge von mir einordnen können. Man braucht unter anderem gar nicht versuchen, mich telefonisch zu erreichen. Ich hasse telefonieren. Ich schreibe lieber. Und das machen wir dann auch (meist). Bekomme ich doch mal einen Anruf, dann wissen alle, ich rufe nicht zurück, sondern frage schriftlich nach, was es gibt.

Ich habe also ganz naiv gedacht, ich könnte diese ganze auferlegte Isolation durch Covid 19 gut hinter mich bringen. Ich bin niemand, der sich täglich mit den unterschiedlichsten Leuten treffen muss, um glücklich zu sein. Soziale Interaktion findet also seit einigen Jahren für mich sehr viel online statt. Es gibt viele Menschen, die ich nur online kenne, und die ich trotzdem nicht missen möchte. Über Facebook habe ich vor ein paar Jahren auch Zugang zur autistischen Community erhalten. Normalerweise treffe ich mich regelmäßig, aber nicht allzu oft, mit Freunden. Meist gehen wir essen, machen im Park ein Picknick, oder gehen einfach Kaffee trinken. Ich liebe es, mich stundenlang zu unterhalten. Ich gebe zu, das strengt mich auch an. Insbesondere wenn die Umgebungsgeräusche sehr laut sind, es sehr heiß oder hell ist. Dann bin ich nur begrenzt aufnahmefähig. Da ich das ja nicht wöchentlich sondern eher so 1-2 mal im Monat so mache, dachte ich wirklich, es würde mich nicht stören, und ich könnte das gut aushalten. Im Grunde ist es ja auch klar, dass wir irgendwann wieder zur Normalität zurück können. Tja, dem ist nicht so. Neulich habe ich mich schon dabei erwischt, dass ich mich über eine Fahrt zum Arzt freute. Es fehlt mir, meine Lieben um mich zu haben, ich vermisse sie so sehr, dass ich wirklich depressiv werde. Und nein, das sage ich nicht nur so, denn ich weiß, wie sich eine Depression anfühlt. Ich vermisse den Austausch, das gemeinsame Lachen und auch Weinen. Das ist mir in den letzten Tagen schmerzlich bewusst geworden und jetzt kann ich dieses Gefühl kaum mehr aushalten. Wie so oft, sind meine Gefühle dazu in meiner Wahrnehmung sehr überwältigend, das macht es nicht einfacher. Ich habe hier zu Hause gesessen und viel geweint. Ich habe diese Isolation einfach nicht mehr aushalten können. Meine Schmerzen wurden noch einmal um einiges heftiger, mein Körper und mein Geist sind seitdem in ständiger Alarmbereitschaft. Ich reagiere zudem, da ich kaum Erholung finde, sensorisch sehr stark.

Glücklicherweise hat sich in dieser Phase eine meiner Freundinnen angeboten, sich mit mir auf einen Spaziergang zu treffen. Diese Freundin hat schon so viel mit mir durch gemacht, es gibt wenige Menschen, die mich so gut kennen. Sie hat zwei Burnouts (die ich im Nachhinein als autistische Burnouts einordne) und dazugehörige Rehamaßnahmen mit mir durchgestanden, sie besuchte mich sogar vor Ort. Sie war mein Blumenmädchen an unserer Hochzeit. Sie war die erste nach der Familie, der ich von meiner Schwangerschaft erzählte. Sie bringt unendlich viel Verständnis für mich, meine Reaktionen und mein Erleben auf. Sie spürt immer, wenn es mir nicht gut geht. Ich glaube, manchmal merkt sie es sogar vor mir. Dieses Treffen hat mir so viel Energie zurück gegeben, das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten. Ich bin heute sogar den zweiten Tag ohne Migräne, obwohl die Wochen vorher diesbezüglich wirklich extrem waren. Selbst meine sozialen Ängste, die sich in den letzten Wochen wieder aufbauten, sind etwas zurück gegangen. Ich kann auf Dauer mit der sozialen Isolation kaum umgehen, das wurde mir jetzt klar, insbesondere da ich dadurch massiv fremdbestimmt bin. Ich muss für meine psychische Gesundheit Kontakt zu meinen liebsten Menschen haben können, und selbst wenn wir dabei Abstand halten müssen.

Wer also denkt, Autisten wollen oder brauchen generell keine Freundschaften (übrigens wird das in den Fragebögen zur Diagnostik oft abgefragt), dem kann ich nur sagen, dass das bei Weitem nicht stimmt und man auch unserem Verständnis von sozialem Miteinander damit nicht gerecht wird. Die Autisten, die ich kenne, sind teilweise hochsoziale und empfindsame Menschen. Wir leben unsere Freundschaften vielleicht anders aus, bauen sie anders auf, und brauchen viel Rückzug, weil es auch Energie kostet, aber wir sind in unseren Freundschaften bereit, sehr viel zu geben.

Und wenn wir uns eine Weile einmal nicht melden, und auch online der Kontakt sehr runterfahren wurde, dann bedeutet das nicht, dass ihr uns weniger wichtig seid. Wir brauchen manchmal einfach sehr viel Zeit für uns und mit uns alleine.

Ein Nachtrag noch für Eltern autistischer Kinder: ihr seid selbst oft traurig darüber, wenn sich Freundschaften bei Euren Kindern anders zeigen, als bei ihren nicht-autistischen Altersgenossen. Viele Kinder bauen sich ihre Kontakte online auf, zb. über Minecraft oder ähnliche Spiele, die man gemeinsam spielen kann. Diese Freundschaften können einen genauso hohen Stellenwert haben. Auch meine Kontakte, die ich online pflege, sind mir unendlich wichtig. Bitte stellt diese Art von Freundschaften nicht in Frage und verlangt nicht ständig von euren Kindern stattdessen doch mehr raus zu gehen (sich draußen aufzuhalten kann auch extrem anstrengend sein). Diese Freundschaften sind nicht weniger wertvoll und wichtig. Viel online zu sein, bedeutet in dem Fall nämlich auch, viel Zeit mit Freunden zu verbringen. Nehmt diese Zeit ernst und versucht euch klar zu machen, dass die Dinge, die euch wichtig sind, euren Kindern nicht wichtig sein müssen, oder dass sie ihre Prioritäten bei sozialen Kontakten anders setzen. Ohnehin können Online-Kontakte auch sehr entlastend sein. Denn hier muss man nicht ständig auf Mimik achten, auf Augenkontakt, auf die Lautstärke der eigenen Stimme, dass man niemanden beim Reden unterbricht und man kann die Reize der Umgebung gezielter steuern. So sehr ich auch realen Kontakt brauche, so ist es für mich manchmal auch sehr wichtig, nur diese Kontakte zu haben, da mir für mehr die Energie nicht zur Verfügung steht.

Autismus und Covid 19 II

Achtung, das wird diesmal sehr persönlich: Es geht mir nicht gut. Ich weiß auch gar nicht, wie ich das richtig beschreiben kann. Die aktuelle Situation triggert mich auf verschiedenen Ebenen. Meine Angststörung ist sehr präsent und meine autistischen Bedürfnisse nach Planungssicherheit, Alleinzeit und Rückzug können nicht befriedigt werden.

Alle sagen, man solle positiv bleiben, das Gute in der aktuellen Situation sehen. Und anderen geht es viel schlechter. Das tut es! Mein Mann hat seinen Job sicher im Home Office, mein Sohn ist noch zu Hause. Wir können uns gut schützen, haben keine finanziellen Sorgen und gerade auch mein Sohn blüht regelrecht auf. In dieser Hinsicht könnte es uns wesentlich schlechter gehen. Da ich viel im Kontakt mit anderen Eltern autistischer Kinder bin, weiß ich, welches Glück wir haben. Unser Sohn leidet erst mal nicht unter der weg gefallenen Struktur, er beschäftigt sich stellenweise alleine und kann runterfahren. Dadurch, dass mein Mann zu Hause ist, kann immer einer von uns alleine einkaufen gehen. Und zu guter letzt ist mein Sohn so gut zu händeln, dass mein Mann im Home Office ohne jeglichen Stress drumherum seinen Job machen kann.

Warum genau geht es mir also so schlecht? Es sind viele Faktoren. Zum einen habe ich mit meinem ganz normalen Wahnsinn zu kämpfen. Seit etwa drei Wochen habe ich jeden Tag Migräne. Ich bin körperlich einfach völlig ausgelaugt und sensorisch stark überreizt. Wenn ich mal das Glück habe, ohne Schmerzen aufzuwachen, dann kommen sie im Laufe des Tages, und dann mit voller Wucht. Vorher merke ich allerdings, wie viel mir diese täglichen Schmerzen nehmen. Wenn man erholt in den Tag starten kann, ist plötzlich unglaublich viel möglich. Das war mir in den letzten Wochen an ein oder zwei Tagen gegönnt. Gleichzeitig macht mich das sehr traurig, weil es mir vor Augen führt, was ich verpasse und was ich nicht leisten kann.

Was mir in der derzeitigen Situation aber arg zu schaffen macht, sind Dinge, die quasi direkt oder indirekt von der Krise beeinflusst werden. Zum einen mache ich mir große Sorgen, wie es für meinen Sohn weiter geht. Wird die Schulbegleitung am Ende der Krise noch da sein, oder hat auch sie, wie viele andere bereits schon, das Handtuch geworfen? Derzeit ist völlig unklar, wie und wann es weiter geht und es kann niemandem vorgeworfen werden, wenn er oder sie sich anderweitig orientieren muss. Mein Sohn profitiert unheimlich von seiner Schulbegleitung, nicht nur für die Schule, sondern auch ganz besonders auf persönlicher Ebene. Auch fehlt mir die Unterstützung durch das Autismuszentrum. Therapie findet bis auf weiteres erst einmal nicht statt. Dort bekomme ich außerdem Coaching und das hilft mir auch, mit meinen ganz persönlichen, autismusbedingten Problemen umgehen zu können. Wann dieses Coaching und die Therapie wieder möglich sein wird, weiß keiner. Derzeit ist das Zentrum geschlossen. Weiter habe ich im Regelfall Hilfe im Haushalt durch die Entlastungsleistungen des Pflegegrades, doch auch hier musste der Pflegedienst aktuell Abstriche machen, und natürlich finden derzeit vor allem die Hilfen statt, bei denen es um tatsächliche Unterstützung im Pflegebereich geht.

Eine große Sorge von mir ist der Umstand, dass ich damit rechnen muss, meine Medikamente nicht mehr in der nötigen Stückzahl zu bekommen. Meine Akutmedikamente werden zu einem großen Teil in China hergestellt, und aus nachvollziehbaren Gründen, wird mit Engpässen gerechnet (weit mehr, als das in den letzten Monaten ohnehin schon der Fall war). Wenn es ganz ungünstig läuft, habe ich in einigen Wochen keine Möglichkeit mehr, meine Attacken zumindest für einige Stunden zu behandeln. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich damit umgehen soll. Die Aussicht auf dauerhafte Schmerzen, ohne wirklichen Ausweg, das lässt mich wirklich panisch werden.

Ich selbst bin gerne alleine, ich wähle mir bewusst Alleinzeit und Rückzug, um meine Batterien aufzuladen. Alleinzeit habe ich derzeit aber quasi gar nicht, und wenn dann nicht in der ausreichenden Menge. Entlastung ist nicht in Sicht. Normalerweise haben wir immer sehr viel Hilfe von meinen Eltern oder Schwiegereltern. Unser Sohn übernachtet besonders in den Ferien oft für mehrere Tage bei Oma und Opa. Das gibt mir die nötige Zeit und Entlastung, die ich gerade in den Ferien brauche. Das geht derzeit ja aber nicht und auf absehbare Zeit wird es hier auch keine Möglichkeit geben, mich zu entlasten. Es hat mir immer geholfen zu wissen, dass ich regelmäßig Zeit habe, um mich zu erholen und viel alleine zu sein. Ich weiß nicht, wann ich das wieder haben werde. Ich rechne nicht mit diesem Jahr. Und auch wenn unser Sohn diese Zeit wirklich toll meistert, er hat Pflegegrad 3 und muss entsprechend betreut werden. Ich selbst bin nicht gesund, Autistin und eigentlich nur aufgrund meiner eigenen Stressoren immer am Anschlag. Unterstützung ist für uns unendlich wichtig. Sie fehlt mir, aber es ist mir auch wichtig, niemanden in meinem familiären Umfeld zu gefährden.

Was mir aber mit am meisten fehlt sind meine Freunde. Sie sind so etwas wie meine selbst gewählte Familie. Und auch wenn viele Autisten die aktuelle Situation genießen (das tue ich stellenweise auch), so ist es doch ein riesengroßer Unterschied, ob ich meine Isolation selbst wähle, oder ob sie auferlegt wird. Was meine Freunde angeht, so fühle ich mich seit ein paar Jahren wirklich angekommen. Bis dahin hatte ich instabile Freundschaften, die mir zwar alle wichtig waren, die mich aber früher oder später tief enttäuschten. Gerade in meiner Kindheit und Jugend musste ich bei nahezu allen Freunden die Erfahrung machen, dass sie sich irgendwann von mir abwandten. Ich wurde als nervig und anstrengend empfunden. Ich selbst merkte aber auch leider allzu oft, dass ich nicht dazu gehörte. Irgendwie passte es nicht. Ich war einsam, obwohl ich viel mehr von Menschen umgeben war, als das heute der Fall ist. Und leider wurde ich fast meine ganze Schulzeit hindurch gemobbt, teilweise auch von ehemaligen Freunden. Wenn Menschen sich von einem abwenden ist das immer schlimm und verletzend, aber wenn sie dann auch noch dazu übergehen zu lästern, zu hänseln und zu drangsalieren, dann verunsichert das grundlegend. Das ist eine Erfahrung, die regelrecht traumatisieren kann. Zwar habe ich zu keinem dieser Menschen heute noch Kontakt und es gab sogar Fälle, da haben sich einzelne Personen Jahre später bei mir entschuldigt, aber dennoch bin ich eigentlich zutiefst unsicher. Ich habe immer Angst, meine lieb gewonnenen Menschen zu verlieren, weil ich bin wie ich bin. Normalerweise kann ich diese Angst ganz gut in Schach halten. Regelmäßige Treffen mit meinen liebsten Menschen geben mir das Gefühl, angenommen und akzeptiert zu werden, und zwar weil ich so bin, wie ich bin. Es ist eine Art Bestätigung für mich. Mir fehlen diese ganz persönlichen Momente, wenn ich zb. in Gesprächen merke, wie wichtig ich anderen Menschen bin, dass sie Anteil nehmen und vor allem, dass sie nicht von mir genervt sind. Es gibt mir in regelmäßigen Abständen Sicherheit und die geht mir jetzt Stück für Stück verloren. Je länger ich meine Freunde nicht sehe, desto mehr bin ich am zweifeln. Verletze ich Menschen, sind sie genervt, habe ich etwas falsch gemacht? Ich könnte diese Selbstzweifel immer weiter führen. Irgendjemand meinte einmal zu mir, dass ich doch langsam mal über all das hinweg sein müsste. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll, wenn man die ersten Jahre bis hin zum Erwachsenenalter nie die Erfahrung gemacht hat, dass Menschen sich nicht irgendwann abwenden.

Ich habe in den letzten Tagen viel geweint, weil ich alles in allem einfach das Gefühl nicht los werde, mich darin zu verlieren. Ich komme mir nicht sehr erwachsen vor mit diesen Gedanken und mit der Art und Weise, wie ich damit umgehe. Ich könnte Menschen um Hilfe bitten, mich persönlich mitteilen und einfach fragen, wenn ich unsicher bin. Ich kann es aber nicht. Ich bin nicht sehr gut darin, Konflikte anzugehen. Zu tief sitzen auch hier die Ängste. Ich ärgere mich, dass sie mich wieder so eingeholt haben. Seit meiner Diagnose bin ich gewachsen; ich dachte eigentlich, ich lasse das alles hinter mir. Höre auf zu maskieren und mich anzupassen. Ich will diese Maske nicht mehr. Wenn nur die Ängste nicht wären…

Perspektivwechsel – und warum mir das oft nicht gelingt

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich dieses Klischee vom unempathischen Autisten nicht leiden kann. Das würde bedeuten, dass ich grundsätzlich nie Mitgefühl entwickeln könnte, und dass mir grundsätzlich egal ist, wie es anderen geht. Das ist es nicht. Ich bin im Hinblick auf andere sogar sehr emotional beteiligt. Das gilt besonders für mein Umfeld, oder im Bezug auf Dinge, die mir emotional vertraut sind.

Weiter ist es so, dass ich hier nur Bezug auf mich nehme, und dazu keine Theorien wie Theory of mind oder Studien zu Empathie und Autismus verwende. Dazu bin ich mit den einzelnen Studien zu wenig bewandert und möchte entsprechend keine falschen Schlüsse ziehen oder Aussagen treffen.

Wie gesagt, ich halte mich für durchaus sehr empathisch. Ich bin emotional von anderen Menschen und deren Erleben so stark getroffen, dass diese Gefühle mich regelrecht überschwemmen. So kann es sein, dass ich wegen wildfremden Menschen weinen muss, oder pures Glück empfinde. Ich sauge Gefühle anderer auf, teilweise geht das so weit, dass ich meine Gefühle nicht mehr von denen anderer Menschen unterscheiden kann. Gefühle sind ebenfalls Reize, die Autisten in Overloads oder Meltdowns katapultieren kann.

Empathisch zu sein bedeutet aber auch, vorherzusehen wie andere Menschen reagieren. Da habe ich wirklich Schwierigkeiten. Ich kann nicht immer sagen, warum Menschen wie agieren und wie ihre Reaktionen auf Dinge sein werden. Das kann für mich bedeuten, dass ich von Reaktionen völlig überrascht und überrollt werden kann.

Womit ich in der Tat stellenweise sehr starke Probleme habe, ist der Perspektivwechsel. Insbesondere dann, wenn meine Perspektive sehr viel Raum einnimmt, ich getriggert bin, oder allgemein viel Stress ausgesetzt bin. Dann fällt mir der Perspektivwechsel zunehmend schwerer. Je schlechter es mir geht, zb auch in langen Schmerzphasen, desto mehr wirke ich auf andere in diesem Punkt rigoros, vielleicht auch distanziert, kühl, sarkastisch und abgebrüht. Diese exekutive Funktion des Perspektivwechsels dann noch auszuüben gelingt mir dann nicht mehr. Es kostet mich dann viel Energie, die mir eigentlich nicht mehr zur Verfügung steht, oder die ich anderweitig in meinem häuslichen Umfeld brauche. Ohnehin ist es dann so, dass mir stellenweise einige Handlungskompetenzen abhanden kommen. Hinzu kommt, dass ich oft Reaktionen und Verhaltensweisen wirklich nicht nachvollziehen kann. In diesen Momenten fällt mir die Perspektivübernahme tatsächlich extrem schwer, bis hin dazu, dass es mir nicht gelingt. Manchmal kann es sein, dass wenn mir jemand etwas erklärt, dass es mir dann sozusagen wie „Schuppen von den Augen“, aber das passiert bei weitem nicht immer. Es gibt bei mir nichts dazwischen. Entweder ich verstehe ein Handeln, eine Intention oder ein Gefühl, oder eben nicht. Und wenn ich es nicht verstehe, kann ich kaum oder gar keinen Bezug dazu aufbauen. Ganz besonders große Schwierigkeiten bereitet es mir, wenn ich von Handlungen oder Reaktionen gestresst oder getriggert werde. Dann nimmt dieser Stressor oder Trigger sehr viel Raum ein. Mein Körper spannt an, ich verkrampfe, ich bekomme teilweise sofort Schmerzen, meine Atmung geht schwerer, mein Herz rast und meine Wahrnehmung ist maximal gesteigert. Ich nehme meinen Körper extrem wahr, und spüre diese Empfindungen überall. Kleine Nadeln piksen auf der Haut und meine Muskulatur ist gleichzeitig verkrampft und wie Pudding.

Ich bin sehr stark in meinem Erleben und Verarbeiten gefangen, weil es unheimlich anstrengend ist. Kleinste Reaktionen aus meinem Umfeld beschäftigen und verunsichern mich den ganzen Tag. Ich muss ständig darüber nachdenken und bin dazu noch permanent überreizt. Für andere Menschen ist eine kurze Sequenz mit mir eben nur das, eine kurze Sequenz. Ich bleibe in diesem Erleben und es strengt mich sehr an. Über den Tag hinweg gibt es immer wieder diese kleine Stressoren oder auch mal große Trigger. Phasenweise muss ich alles an Funktionen runter fahren, weil sie mich sehr viel Energie kosten oder ich dazu schlicht nicht in der Lage bin. Ich verstehe, dass ich in diesen Momenten als unempathisch wahrgenommen werde. Es gibt Menschen, die mir dann schreiben oder sagen, dass sie gespürt haben, dass es mir nicht gut geht. Ich glaube aber, das können in der Tat nur ganz wenige Menschen erkennen, da die ganze Dynamik dahinter Außenstehenden bei allem Erklären doch einfach immer irgendwie fremd bleibt. Es bleibt, wie gesagt, immer nur eine kleine Sequenz, im Gegensatz zu dem, dass Betroffene damit immer leben müssen. Das ist für mich auch nicht schlimm oder negativ. Ein Mensch ohne Depressionen beispielsweise wird auch nie vollkommen nachvollziehen können, was eine Depression ausmacht. Das macht es auch so schwer nachzuvollziehen, dass ich bei aller Kompetenz an der einen Stelle an anderer Stelle völlig anders reagiere, oder meine Handlungskompetenzen stark eingeschränkt sein können. Ich würde mir wünschen, dass man in solchen Momenten selbst den Perspektivwechsel vollzieht, wenn möglich. Fragt mich beispielsweise, ob alles ok ist. Es hilft mir ungemein, wenn ich mich nicht erklären muss, sondern einfach mal so sein darf. Das nimmt mir Druck.

Früher habe ich oft versucht, meinen Mitmenschen keine Angriffsfläche zu bieten. Ich habe mich angepasst, so gut es geht. Ich wollte niemanden verärgern oder gegen mich aufbringen. Oft genug habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich von mir abwandten und ich habe nicht verstanden, warum. Ich galt oft als nervig, anhänglich und anstrengend. Menschen, bzw Kinder, die einmal meine Freunde waren, haben sich nicht nur angewandt. Mobbing von irgendwelchen Menschen ist schon eine schlimme Erfahrung. Aber Mobbing durch Menschen, denen man einmal vertraut hat, zerstört jegliches Vertrauen in sich und in das Umfeld. Man versucht alles, damit das nicht wieder passiert. Ich habe so viele Jahre versucht, den Menschen keinen Grund mehr zu geben, so zu mir zu sein. Also habe ich versucht, immer nett zu sein, immer interessiert zu sein, immer lustig zu sein, immer kompetent zu erscheinen und Verständnis für alles zu haben. Ich war über die Maßen kontrolliert, auch wenn mir eigentlich nicht die Kraft dafür fehlte. Das hat mich krank gemacht und mich sehr viel gekostet. Das Wissen darum, meine Diagnose und alles, was ich bis dahin erlebt habe, machen es schwer bis unmöglich, so weiter zu machen. Ich kann das nicht mehr und ich will es nicht mehr. Ich will schwach sein dürfen, wenn ich schwach bin. Ich möchte, dass man ernst nimmt, was ich in der Lage bin zu schaffen. Aber gleichzeitig möchte ich keine Angst davor haben müssen, nicht funktionieren zu können.

Ich möchte nicht, dass dieser Text als eine einzige Rechtfertigung wahrgenommen wird, sondern als Erklärung. Ich möchte nicht, dass es so verstanden wird, dass ich meine Behinderung vorschiebe und mir dadurch alles mögliche rausnehme. Aber ich habe diese Behinderung nunmal, und das bringt einiges mit sich. Den Lehrern meines Sohnes sage ich immer wieder einmal: Sie verlangen von einem blinden Kind auch nicht, dass es sich ein Bild nur mal genauer anschauen müsste. Und auch wenn meine Behinderung weniger offensichtlich ist, so ist sie eben doch da, und es gibt Momente, da merkt man mir das auch an. Und ich finde, das muss auch mal sein dürfen.

Weltautismustag 2020

Jedes Jahr am 2. April findet er statt, der Weltautismustag. (Eingeführt von den Vereinten Nationen 2007, erstmals begangen 2008). Der April steht dann ganz im Zeichen des Autismus. Viele Vereine, Blogger, Autoren und Autisten allgemein nutzen diese Zeit, um vermehrt über Autismus aufzuklären. Genutzt wurde und wird hierfür der Begriff Bewusstsein/Awareness, was in der autistischen Community häufig wenig Anklang findet, da auch gerade Organisationen wie Autism Speaks sich in dieser Zeit und unter diesem Motto groß publizieren. Der Weltautismustagtag und der Monat April standen ganz unter dem Motto „Light ist up Blue“. Durch seine Größe und seine Bekanntheit konnte Autism Speaks sich hier besonders stark präsentieren und die Symbolik beeinflussen. Light it up Blue ist in Verbindung mit dem Symbol des Puzzleteils zum dem Erkennungszeichen schlechthin geworden, leider. Denn Autism Speaks steht wie keine andere Organisation für den negativen Umgang mit Autisten und ihren Bedürfnissen, der Autismus gehöre ausgerottet und Autisten sind durch ihren Autismus verantwortlich für das Leid ihrer Eltern und Angehörigen. Spendengelder kommen nicht Autisten und ihren Eltern zugute, sondern werden in Forschung bezüglich Heilung und Pränataldiagnostik gesteckt. Therapieangebote gibt es in Form von ABA, denn autistische Verhaltensweisen sind grundsätzlich negativ und gehören aberzogen.

Viele Vereine und Organisationen, die zum sogenannten Autism Awarenessday publizieren, Veranstaltungen organisieren usw., tun dies selten in Absprache und unter Beteiligung von Autisten. Häufig wird kritisiert, dass man vor allem über, aber nicht mit Autisten spricht. Dabei haben Autisten jede Menge zu sagen. Autisten haben ihre ganz eigene Vorstellung davon, was Autismus für sie bedeutet, was sie sich unter Barrierefreiheit und Inklusion vorstellen. Und Autisten möchten gehört werden, sie möchten teilhaben an dem gesellschaftlichen Prozess rund um dieses Thema. Sie möchten aufmerksam darauf machen, dass Inklusion meist unzureichend umgesetzt wird und wie starr bzw. unflexibel unser System oft reagiert, dass sie unter gewissen gesellschaftlichen Normen leiden, dass sie nach wie vor oft gemobbt und ausgegrenzt werden, und dass sie häufig einer Stigmatisierung ausgesetzt sind, die negative Folgen für ihren gesamten Alltag haben kann. (Gerade im letzten Jahr wurde deutlich, wie groß das Problem vieler in der Gesellschaft ist, wenn Autisten zu laut werden, und wenn sie allzu große Forderungen stellen. Greta Thunberg hat Autismus in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Sie ist für viele unbequem und scheint alleine schon durch ihre Präsenz die Menschen zu provozieren. Im letzen Jahr haben viele Autisten mitansehen müssen, wie sich ein bestimmter, nicht gerade kleiner Teil der Bevölkerung gegenüber Autisten äußert, mit welchem Hass man uns begegnet.) Sie möchten weiter darauf aufmerksam machen, wie groß das Spektrum ist, wie vielseitig.

Aus diesem Grund gibt es in der Community eine breite Bewegung, die sich nicht nur einer eigenen Symbolik bedient (das Unendlichkeitszeichen in regenbogenfarben oder gold), sondern auch ganz bewusst laut und mit einem großen Selbstbewusstsein auftritt. Ganz im Zeichen von Akzeptanz und Selbstbestimmung findet man unter den Hashtags #actuallyautistic #OurGoldenMoment #AutisticGold #AutisticPride (Groß- und Kleinschreibung kann variieren) viele Beiträge und Veranstaltungen von Autisten. Wir geben uns nicht zufrieden mit dem, was man uns als Inklusion verkauft. Statt Awareness/Bewusstsein fordern wir Acceptance/Akzeptanz, und das nicht nur an einem Tag im Jahr. Wir leben mit Autismus, unsere Kinder leben mit Autismus, das ganze Jahr. Und wir brauchen viel mehr als nur Bewusstsein darüber, dass es uns überhaupt gibt.

Anmerkung: ich wollte eigentlich schon früher am Tag einen Beitrag dazu veröffentlichen, kam aber aufgrund der aktuellen Umstände wenig zum Schreiben und Fokussieren meiner Gedanken. Heute hatte ich mir Zeit dafür eingeräumt und wurde wie so oft durch Migräne ausgebremst, und das gleich zweimal. Der Beitrag entstand in mehreren Etappen, deswegen seht es mit nach, wenn ich meine Gedanken nicht gut sortieren konnte, und sich Gedankengänge wiederholen. Wahrscheinlich konnte ich auch nicht alles los werden, was ich eigentlich zu sagen hätte.

Autismus und Covid 19

Eins vorweg, ich gehe mit sämtlichen Maßnahmen bezüglich der aktuellen Krise konform. Ich habe eine Form von Asthma, die sich nur bei Erkältungen zeigt. Ich habe durchaus Angst, mich anzustecken. Und das Virus ist eine andere Hausnummer, als ne kleine Erkältung. Mein Mann hat allergisches Asthma, unser Sohn hat Pflegegrad 3. Egal wie, eine Infektion innerhalb unserer Familie wäre furchtbar. Deswegen bin ich absolut für absolute eine Minimierung der sozialen Kontakte, für Schulschließungen, und Home Office wo es geht.

Was ich im Moment wahrnehme, wir Autisten haben eine ganz eigene Art mit der aktuellen Krise umzugehen. Endlich sind mal unsere Kernkompentenzen gefragt (😜). Soziale Kontakte minimieren – können wir. Menschenansammlungen meiden – können wir. Ich bin gerne alleine. Ich treffe mich zwischendrin auch sehr gerne mit meinen Freunden, aber ich kann einen großen Teil meiner sozialen Interaktion auch online ausüben. Ich habe keinerlei Probleme damit, tagelang auf der Couch zu sitzen und Netflix zu suchten. Ich liebe Serien und ich kann meine liebsten Serien auch immer wieder schauen. Dennoch mache ich mir große Sorgen, was die nächsten Tage und Wochen so mit sich bringen.

In den Wintermonaten geht es mir jedes Jahr wieder schlechter. Ich habe extrem mit meinen chronischen Schmerzen zu tun, das drückt automatisch auf meine Stimmung. Aber auch generell habe ich Probleme damit, die fehlende Zeit im Garten auszugleichen. Am Ende eines Winters bin ich jedes Mal wieder total erschöpft und benötige dringend eine Pause davon, um wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen. Jedes Jahr im Herbst habe ich Angst vor dem, was in den nächsten Monaten auf mich zu kommt. Und wenn es dann auf den Frühling zugeht, bin ich total ausgehungert. Mit der Familie im Garten sitzen und zu grillen, in meiner heiß geliebten Hängematte zu liegen, Spaziergänge im Wald oder am Wasser… , das hilft mir, wieder zu Kräften zu kommen. Und ich habe Angst, dass mir das jetzt genommen wird und ich im schlimmsten Fall in meinem aktuellen Zustand direkt in den nächsten Winter gehen muss, ohne vorher meine Akkus etwas aufladen zu können. Das wäre für mich gesundheitlich ein absoluter Super-Gau. Das mag für den ein oder anderen ein vergleichsweise geringes Problem sein, aber gerade für Menschen mit Depressionen ist das ein großes Thema. Auch befürchte ich, dass ich mich im Anschluss an diese Krise sehr schwer damit tun werde, wieder vermehrt raus und unter Menschen zu gehen. Soziale Kontakte stellen mich immer mal mehr oder weniger vor große Herausforderungen. Aber wenn ich mich über einen längeren Zeitraum stark zurück ziehe, dann wird der Weg zurück nicht gerade leichter, im Gegenteil.

Ein weiteres Problem ist für mich, dass momentan sämtliche Regeln des Alltags und jede Struktur, die einem so vorgegeben wird, außer Kraft gesetzt ist. Regeln geben mir Sicherheit und Orientierung. Ich weiß zb., dass ich mit ziemlicher Sicherheit immer die Dinge zu Hause vorrätig haben kann, die ich zum einen wie alle anderen auch im Alltag einfach brauche. Aber auch die Dinge, die ich brauche, um mir etwas Gutes zu tun, kann ich im Normalfall ganz schnell besorgen, im Notfall auch mal bestellen. Aktuell sind viele dieser Dinge aber vergriffen und schlicht nicht zu bekommen. Das stresst mich, extrem. Jetzt ist alles total unberechenbar geworden. Ich kann mich auf nichts mehr verlassen. Kann ich zb mein Lieblingsessen beim Inder bald noch bestellen? Jetzt werden einige sagen, dass das ein totales Luxusproblem ist, und das ist es im Vergleich zu vielen anderen Problemen sicher auch, aber das sind die Dinge, die mir in schweren Zeiten helfen. Ich weiß relativ gut, womit ich mir was Gutes tun kann, aber wenn diese Möglichkeiten weg fallen, macht mir das einfach Angst. Habe ich zb einen Overload, so hilft es mir zu wissen, dass ich mich mit einem gutem Essen zurück ziehen kann. Es hilft mir, dass ich meinen Mittagsschlaf machen kann, wobei ich Reize ausblende. Jetzt bin ich aktuell aber nie mehr alleine. Mein Sohn ist den ganzen Tag da, worüber ich sehr dankbar bin. Aber mir fehlt jetzt die Alleinzeit, die ich so dringend brauche. Es fühlt sich nicht richtig an, mich ins Bett zu legen, wenn er da ist. Er bekommt eh schon zu viel davon mit, wie es mir geht, wenn ich zb starke Migräne habe und wegen der Schmerzen und Medikamente einfach k.o. bin. Also fehlt mir auch hier mein Energiespender.

Eine weitere große Sorge von mir ist, dass ich meine Medikamente nicht mehr bekomme, oder meine Botox-Prophylaxe ausgesetzt wird. Mit chronischer Migräne ohne Medikamente auskommen zu müssen, ich glaube, nach kurzer Zeit wäre ich reif für die Klapse. Schmerzen bringen mich dazu, das Leben nicht mehr genießen zu können, im Gegenteil habe ich Angst, dass ich sämtlichen Lebensmut verliere. Depressionen und chronische Schmerzen in Kombi sind einfach verfluchter Mist. Von dauerhaftem Overload brauch ich gar nicht erst anfangen.

Viele Menschen haben auch wenig Probleme damit, eine gewisse Struktur aufrecht zu erhalten, selbst wenn diese nicht von außen vorgegeben ist, wie zb durch Schule oder Beruf. Ich kann das nicht, und wenn mein Mann und mein Kind nicht wären, ich würde schon längst tagsüber schlafen und nachts wach sein. Ich zwinge mich gerade, jeden Tag den Ablauf einzuhalten. Morgens zur gleichen Zeit aufstehen, Frühstück, mit meinem Sohn Aufgaben für die Schule machen, Mittagessen usw. Es strengt mich sehr an, während es für andere scheinbar ganz normal ist, auch am Wochenende und in den Ferien wie selbstverständlich ihre Struktur aufrecht zu erhalten. Aber gerade am Abend schaffe ich es nicht, den Tag zu beenden. Ich gehe zur normalen Zeit ins Bett, aber es kann sein, dass ich dann noch drei Stunden oder mehr online bin. Zudem stresst mich der Gedanke an die Nacht, da ich eh immer schon schlecht schlafe, im Moment aber eben besonders schlecht.

Zu guter letzt ist es aktuell für mich und viele andere Autisten so, dass wir allgemein mit der akuten Unsicherheit zu kämpfen haben. Veränderungen jeder Art können uns unwahrscheinlich belasten. Nicht zu wissen, was kommt, es macht mich bald wahnsinnig. Hinzu kommt, dass mir das Verhalten einiger Menschen große Angst macht. Ihr habt ja alle von den Hamsterkäufen gelesen, oder dass in Krankenhäusern Desinfektionsmittel geklaut wird. Menschen sind unberechenbar, jetzt mehr denn je. Der Egoismus und die Unberechenbarkeit verunsichern mich extrem, auch wenn ich versuche, mich an Solidaritätsaktionen zu erfreuen. Aber jetzt gilt mehr denn je, dass Menschen nicht berechenbar sind. Das alles führt aber dazu, dass ich ständig versuche, alles unter Kontrolle zu behalten. Ich informiere mich täglich mehrfach über den aktuellen Stand und tausche mich mit anderen aus. Ich plane weit voraus, was kommen kann, etwas was ich vor Monaten noch für völlig übertrieben gehalten habe.

Ich mache mir derzeit so viele Sorgen, dass ich einfach nur hoffe, wir alle kommen gut aus dieser Zeit heraus, dass wir alle gesund bleiben, dass die Folgen für jeden einzelnen überschaubar bleiben. Bleibt gesund 🍀

Hochfunktional – Vom Maskieren und Kompensieren

Seit ich meine Autismus-Diagnose vor etwa einem dreiviertel Jahr bekam, frage ich mich oft, wie ich so lange als „unerkannte“ Autistin durchs Leben gehen konnte. Wie kann es sein, dass man zwar immer wieder diese Gedanken hat, dass man „anders“ ist, aber dennoch eigentlich total verlernt, wer und was man ist, und im Grunde nicht auffällt.

Ja, ich bin nicht nur Autistin, aber es macht einen sehr großen Teil meines Selbst und meiner Geschichte aus. Und trotzdem fühlt es sich so an, als hätte ich bis zu meiner Diagnose keinen Bezug zu mir gehabt. Seit meiner Diagnose habe ich einen A-ha-Moment nach dem anderen. So viele Dinge werden mir bewusst. Dinge, die ich entweder nicht sehen konnte, oder die ich unbewusst unterdrückt habe.

Es kommt mir so vor, als hätte ich bis dahin mein ganzes Lebens maskiert. Sobald ich mich in die Außenwelt begebe, setze ich mehr oder weniger automatisch eine Maske auf. Diese Maske bedeutet für mein Umfeld, dass mein Autismus nicht wirklich offensichtlich wird. Es gibt im Grunde nur einen Menschen in meinem Leben, der meine autistischen Verhaltensweisen und Auffälligkeiten kennt. Ich würde es nie zulassen, dass ich zb in der Öffentlichkeit einen Zusammenbruch habe. Ich schiebe diesen Ausbruch, bis ich in Sicherheit zu Hause oder im Auto bin. Dieses Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, die Panik, dieses „Nicht mehr aushalten können“ von sämtlichen Reizen und Anforderungen, ist absolut schrecklich. In diesen Momenten versuche ich, bewusst zu maskieren. Etwas, was mir früher wesentlich leichter gefallen ist. Früher habe ich maskiert und kompensiert, bis ich irgendwann zusammen geklappt bin – autistisches Burnout.

Im Gegensatz zu früher, erlebe ich diese Zustände wie Overload und Meltdown viel bewusster. Früher hab ich das weggedrückt und funktioniert. Heute merke ich, dass ich vor lauter Überforderung die Orientierung verliere. Dann kann es zb passieren, dass ich im Drogeriemarkt, den ich wirklich gut kenne, völlig verloren bin, mich nicht mehr auskenne und so schnell wie möglich flüchten muss. Heute merke ich auch, wie mir jedes kleinste Geräusch in den Ohren weh tut, wie jeder Lichtstahl mich blendet. Ich nehme heute alle Farben wahr, jedes Empfinden auf der Haut. Und ich merke, wie schrecklich einige Situationen sind, in denen ich maskieren muss. Das sind häufig Situationen, in denen ich auf gar keinen Fall die Kontrolle verlieren darf, beispielsweise ein Hilfeplangespräch. Ich würde mich unendlich angreifbar machen. Heute merke ich, wieviel Kraft mich solche Situationen kosten. Zwei Stunden und ich benötige danach viele Tage, um wieder einigermaßen funktionieren zu können. In der Regel habe ich danach eine Migräne-Attacke und muss erst mal schlafen. Schlafen, vor allem tagsüber, hilft mir, sämtliche Reize auszublenden.

Das alles hatte ich früher nicht. Ich habe immer maskiert, immer kompensiert, und völlig verlernt, auf mich zu hören. Mittlerweile sehe ich zu meinen chronischen Schmerzerkrankungen einen deutlichen Bezug. Sie sind zwar eigenständige Erkrankungen, werden aber genau davon massiv getriggert. Mein Körper wehrte sich schon sehr viel früher gegen die permanente, unbewusste Überforderung, gegen Reizüberflutung und gegen ständige Anpassung. Schmerzen, Depressionen und Ängste waren die Folge.

Genaus darin sehe ich das Problem, wenn man von hochfunktionalem Autismus spricht. Im Grunde bedeutet es, dass man einer Person den Autismus nicht oder viel weniger anmerkt, als man es vermuten würde. Es wird darin eine hohe Anpassungsbereitschaft gesehen. Dass diese Anpassungsbereitschaft nicht unbedingt freiwillig oder bewusst geschieht, unglaublich anstrengend ist und einen hohen Preis einfordert, wird oft ausgeblendet. Das hat zur Folge, dass man sogenannten hochfunktionalen Autisten nur allzu oft ihren Leidensdruck abspricht. Oft wird ihnen nicht geglaubt, dass sie im Alltag manchmal viel Hilfe benötigen. Wenn sie sich viel zurückziehen, gelten sie oft als faul. Dass dies aber absolute Überlebensstrategien sind, wird ihnen oft nicht abgenommen. Ich selbst habe heute noch Probleme damit, mich selbst nicht als faul einzuschätzen. Ich weiß rational gesehen sehr genau, warum ich so viel Rückzug und Ruhe benötige, und dabei vieles an Aufgaben im Alltag liegen bleibt. Da so etwas aber häufig nicht auf Akzeptanz stößt, und ich so aufgewachsen bin, dass man zu funktionieren hat, kann ich es mir nur schwer zugestehen, mir diese Ruhe zu gönnen, ohne schlechtes Gewissen.

Hinzu kommt, dass man auf der einen Ebene sehr erfolgreich sein kann, auf einer anderen aber absolut überfordert ist. Ich habe zb mein Studium erfolgreich abgeschlossen, eine Zusatzausbildung gemacht, ich habe auf dem ersten Arbeitsmarkt gearbeitet. Und dennoch gibt es Dinge im Alltag, die mich je nach aktueller Belastung, total überfordern. Wenn ich über Wochen hin funktionieren musste, dann kann es sein, dass ich kein Telefonat mehr führen kann. Wenn ich permanent über meine Belastungsgrenze hinaus gehe, dann merke ich, wie mir meine Alltagskompetenzen abhanden kommen. Ich bin ständig überreizt und habe dauerhaft Schmerzen. Außerdem habe ich ständig ein Panikgefühl. Ich habe immerzu das Bedürfnis, zu flüchten. Meine Haut juckt oder es fühlt sich an, als würden ständig kleine Nadeln auf mich herab rieseln. Weil ich aber so hochfunktional bin, bekommt kaum jemand davon etwas mit. Ich schäme mich dann dafür, sehr sogar. Meinen Mann in solchen Situationen um Hilfe und Entlastung zu bitten, schaffe ich oft nicht mehr adäquat.

Wenn ich heute die Maske aufsetze, ich weiß meist schon vorher, dass ich es tun muss, dann wehrt sich in mir alles dagegen. Ich wünschte einerseits, ich könnte weniger maskieren. Andererseits sehne ich mich danach zurück, als ich es automatisch tat, ohne darüber nachzudenken. Heute weiß ich, es wird mich sehr viel Kraft kosten, es ist mit sehr vielen Ängsten verbunden und auch mit innerer Abwehr.

Diese Situation habe ich nicht ab und an mal, sondern immer, jeden Tag. Und ich habe das nicht nur in Extremsituationen, die jeden überfordern würden, sondern bei sehr vielen vermeintlichen Kleinigkeiten. Ein Anruf, ein Einkauf, beim Autofahren, jeder Termin beim Arzt, jedes Telefonat, jedes frühe Aufstehen, der komplette Alltag einfach.

Aber ich bin hochfunktional, also weiß kaum einer davon. Darin liegt auch der Grund, warum ein Teil meines Umfelds nichts von meiner Diagnose weiß. Es würde mir schlicht nicht geglaubt werden. Dieser Situation mag ich mich nicht mehr aussetzen. Ich möchte mich nicht erklären müssen. Die Menschen denken, sie tun mir einen Gefallen, wenn sie sagen, dass sie sich das nicht vorstellen können, da ich nicht autistisch wirke. „Echte“ Autisten sind anders, sie wiegen mit dem Oberkörper hin und her, sie schreien, haben keine Emotionen und Empathie. Dann fängt man an zu erklären und es heißt „ich hab auch Probleme mit Menschenmassen, jeder ist doch ein bißchen autistisch“. Hm, tja ist das so? Ist jeder ein bißchen autistisch? Autisten bekommen bei dieser Aussage das große Kotzen. Es bagatellisiert alles, was wir jeden Tag erleben und auch leisten. Im übrigen ist auch niemand einfach ein bißchen schwanger, oder?

Das Label hochfunktional schadet mir persönlich mehr, als dass es mir hilft. Es schafft null Verständnis, insbesondere nicht für spätdiagnostizierte Autisten.

Und wann kommt das Zweite?

….Diese Frage bekommt man als Mutter so oder so ähnlich immer wieder gestellt. 

Ich muss es jetzt mal sagen, diese Frage ist für mich immer ganz schlimm und macht mich jedes Mal wieder aufs Neue traurig. 

Ich wollte immer Kinder haben, auf jeden Fall mehr als eins. Ich bin selbst mit einer Schwester aufgewachsen und bin dankbar, dass es sie gibt. Klar, hatten wir uns als Kinder ständig in den Haaren und auch heute haben wir sehr unterschiedliche Lebenskonzepte, aber wir haben uns immer und sind als Schwestern einfach eng miteinander verbunden. Das habe ich mir immer auch für meine Kinder gewünscht. 

Jetzt habe ich einen wunderbaren kleinen Jungen zu Hause, ich bin unendlich dankbar, dass es ihn gibt. Aber er wird ein Einzelkind bleiben. Mein Mann und ich haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, oft haben wir diskutiert, Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen. Wir haben diese Entscheidung entgegen dem getroffen, was wir uns wünschen. 

Meine erste Schwangerschaft war nicht leicht, die ersten Monate hatte ich durchgehend Migräne und konnte diese ja nicht mit meinem üblichen Medikamenten behandeln. Also hieß es: aushalten. Kurze Zeit später konnte ich schon nicht mehr arbeiten gehen, weil es mir körperlich so massiv schlecht ging. 

Dann war der kleine endlich da, die Migräne stellte sich nach kurzer Zeit wieder so ein, wie vor der Schwangerschaft. Es heißt ja immer, dass nach einer Schwangerschaft alles anders sein kann – bei mir war das leider nicht der Fall. Also war ich wieder bei mindestens 15 Tagen im Monat. Wenn ich eine Migräne habe, dann bin ich völlig aus dem Verkehr gezogen, sowohl wegen der Schmerzen, aber auch wegen Medikamenten. Ich muss erst mal ein paar Stunden schlafen, kann kaum laufen oder etwas heben. Ein Kind hochheben ist praktisch unmöglich.

Mein Mann fängt vieles auf, wenn ich eine Attacke habe. Neben seinem Job, erledigt er vieles, dass eigentlich noch zu meinen Aufgaben gehört hätte. Ruhepausen gibt es für ihn praktisch nicht. Mein Kind wächst damit auf, dass ich oft ausfalle. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen deswegen, ich möchte nicht, dass meine Schmerzen unser komplettes Familienleben bestimmen. Nichtsdestotrotz hat er gelernt, damit umzugehen, obwohl er noch so klein ist. Als Baby brachte er mir seine Kuscheldecke, später hörte er meinen Kopf ab oder pflückte Blümchen für mich. Einmal waren er und mein Mann alleine auf einem Ausflug. Mir ging es schlecht und ich sollte mich ausruhen. Als die beiden zurück kamen, ging es mir nicht besser und ich musste einfach anfangen zu weinen. Mein Kind schaut mich an, drückt mich und fragt mich, warum ich denn dann aufgestanden sei.  

Mit einem Kind, das noch dazu besondere Bedürfnisse hat, bin ich schon sehr oft an meiner Belastungsgrenze. Meine Energie reicht oft gerade so aus. Ein zweites Kind wäre für mich nicht mehr in Bereich des Machbaren. Alle Bereiche meines Lebens würden auf der Strecke bleiben. Meine Partnerschaft, mein erstes Kind, mein Mann und nicht zuletzt meine Gesundheit. 

Also haben wir aus der Vernunft heraus, die Entscheidung getroffen, dass wir eine kleine glückliche Familie bleiben und das nicht aufs Spiel setzen. Nicht zuletzt meinem Kind gegenüber habe ich eine Verantwortung. Er hat es verdient, dass ich mich so um ihn kümmern kann, wie er es braucht. Er wird in den nächsten Jahren seine Eltern auf noch ganz intensive Art und Weise brauchen. Er hat gut gelernt, damit umzugehen, dass es mir oft schlecht geht. Aber ich habe auch immer eher viel Wert darauf gelegt, dass er sich nicht in irgendeiner Form schuldig fühlen muss. Meine Familie soll nicht unter meiner schlechten Stimmung leiden. Ich weiß nicht, ob ich das in der Form noch schaffen könnte, wenn ich noch ein zweites Kind hätte, dass mich braucht. Ich kann das Risiko nicht eingehen. Auch wenn es immer heißt, dass es nach einer Schwangerschaft besser werden könnte – es könnte genauso noch schlechter werden. Und dann? 

Nun haben wir uns also gegen ein zweites Kind entschieden, das heißt aber nicht, dass wir es uns nicht wünschen würden. Jedesmal, wenn eine Freundin in meiner Umgebung ein Kind bekommt, muss ich immer daran denken, wie es wäre, wieder schwanger zu sein, und später so ein kleines Bündel Menschlein im Arm zu halten. Und jedes Mal, wenn unser Kleiner etwas von seinem kleinkindhaftem Verhalten ablegt, ist es sehr traurig zu wissen, dass man das so nicht wieder bei einem eigenen Kind erleben wird. 

Und wenn dann diese Frage kommt…., Von teilweise wildfremden Menschen. Es ist eine Frage, die oft einfach so gestellt wird, ohne dass die Menschen wirklich darüber nachdenken, was das bei einer Mutter auslösen kann. Viele Elternpaare haben heute nur ein Kind, und die Gründe sind vielfältig. Nicht selten ist das eine Entscheidung, die man aufgrund der Lebensumstände trifft, nicht weil man einfach keine Lust hat, den Alltag noch länger nach einem Kind zu richten. Oft ist das keine rein egoistische Entscheidung.

Meine Grenze ist leider erreicht und ich sehe auch die Verantwortung, die ich meinen Kind, meinem Mann und mir gegenüber habe. Ich möchte mich nicht mehr rechtfertigen müssen.