Bemerkenswert

Zu diesem Blog und über mich

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Während der letzten fast zwanzig Jahre, hatte ich Zeit, mich mit meiner Erkrankung auseinander zu setzen. Mit 16 Jahren fing es an. Von einen auf den anderen Tag hatte ich chronische Migräne. Davor wurde ich nur ab und an Mal von einer Attacke übermannt. Als Kind Schmerzen zu haben, die mich nicht selten zum Weinen gebracht haben, das war zwar schlimm, aber ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, dass ich diese Schmerzen fast täglich haben würde. 

Mit 16 also fing es an und ich fühlte mich oft völlig ausgeliefert. Damals hatte ich auch noch keine wirksame Akutmedikation. Aus Verzweiflung habe ich bis zu 10 Tabletten am Tag von den gängigen Schmerzmitteln konsumiert, obwohl ich wusste, dass sie nicht helfen werden. 

Ich ging zur Schule, machte mein Abitur, fing eine Ausbildung an und wechselte dann in ein Studium. Das alles begleitet von vielen Fehlzeiten. In der Schule fehlte ich meist zu den Randstunden, also entweder früh am Morgen oder spät am Nachmittag. Das Abitur habe ich trotzdem mit vergleichsweise wenig Anstrengung geschafft. 

Später im Studium (Sozialpädagogik) konnte ich mir vieles selbst einteilen und wenn ich gefehlt habe, so fiel das meist nicht auf. Damals konnte ich meinen Alltag mit den Schmerzen ganz gut regeln, schwierig wurde es erst im Job. 

Ich hatte mir einen anstrengenden Beruf ausgesucht. Direkt nach dem Studium arbeitete ich in einem psychiatrischen Wohnheim. In diesem Job musste ich immer zu Hundert Prozent fit sein, Fehler und Unkonzentriertheit konnte ich mir nicht leisten. Außerdem hatte ich ja auch Kollegen, die sich auf mich verlassen können mussten. 

Es dauerte nicht lange, und es stellte sich ein Negativkreislauf ein. Ständige Migräne-Attacken, übermäßiger Stress im Job, Angst zu versagen und keine Möglichkeit zwischen den Attacken und dem Job zur Ruhe zur kommen. Nach einem Jahr hatte ich mein erstes Burn-Out. Ich fiel zum ersten Mal für mehrere Monate aus. Eine Reha folgte. Danach fing ich mit einer reduzierten Stelle wieder an zu arbeiten. Das ging so irgendwie, auch wenn ich nach wie vor an mindestens 15 Tagen im Monat Attacken hatte. 

Nach einer Zeit wurde ich schwanger, ging in Elternzeit. Während der Elternzeit machte ich eine Zusatzausbildung, weil mir klar war, dass ich nicht länger in der Psychiatrie arbeiten konnte. 

Als ich nach der Elternzeit wieder anfing, zu arbeiten (im neuen Job), fing der Kreislauf von vorne an. Ständige Attacken, die Anforderungen an mich als Mutter, Stress im neuen Job… Wieder Burnout und dazu eine sehr schwere Depression. Wieder Krankschreibung und Reha. Diesmal konnte ich aber nicht mehr arbeiten gehen, zwei Jahre habe ich gebraucht, um mich davon zu erholen. Ich bin dauerhaft arbeitsunfähig und darf laut Gutachter nicht mehr in meinem Beruf arbeiten. 

Seit einiger Zeit plagen mich weitere Schmerzen, ganz difus, es tut mir einfach manchmal der komplette Körper weh. Die jahrelangen chronischen Schmerzen haben wohl eine weiter Erkrankung zur Folge, vermutlich Fibromyalgie.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich der Austausch mit anderen Betroffenen positiv begleitet. Diese Gespräche geben mir sehr viel Kraft und ich genieße es, mich nicht erklären zu müssen. 

Aber ich möchte auch erklären, wie das ist, wenn die Schmerzen den Alltag begleiten. Welche Sorgen ich habe, welche Gedanken mich umtreiben, worüber ich mich ärgere, aber auch was mir Kraft gibt. Manchmal ist mein Kopf so überladen mit diesen Dingen, dass ich schon seit meiner Jugend darüber schreibe, in Form von Tagebuch.

Ich möchte dies auch an andere weiter geben. Ich möchte, dass andere Betroffene sich verstanden fühlen, und dass wir uns austauschen können. Und ich möchte auch Nicht-Betroffene aufklären und verstehen helfen. 

Es wird sicher Berichte geben, die von negativer Stimmung geprägt sind, aber genauso wird es auch die anderen geben. Es geht mir in meinem Leben ja nicht nur schlecht, es gibt vieles, das ich sehr zu schätzen weiß. 

Wenn Ihr wollt, dann begleitet mich ein Stück auf meinem Weg. Ich freue mich auf euch. 

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Meine Autismus-Diagnose, wie es dazu kam und warum ich froh bin, sie zu haben

Vor 1,5 Jahren habe ich meine Autismus-Diagnose bekommen.

Oft wird man ja gefragt, warum man überhaupt eine Diagnostik anstrebt, welchen Sinn das jetzt überhaupt noch macht (gerade im Erwachsenenalter), oder was man sich davon verspricht (meine Intention erläutere ich weiter unten) . Man kann sich ja schließlich auch im Spektrum verorten und es damit gut sein lassen.
Ich selbst erkenne Selbstdiagnosen an. Die wenigsten Menschen sehen sich einfach mal so im Spektrum, sondern haben häufig einen langen Leidensweg hinter sich. Oft fehlt die Kraft für eine Diagnostik, oder auch man maskiert so stark, dass diese möglicherweise ohnehin negativ ausfallen würde. Das muss man erst einmal aushalten können. Zudem sind die Diagnosekriterien veraltet und auf Jungs bzw. Männer ausgelegt. Frauen im Spektrum fallen oft durch das Raster und erhalten eher Fehldiagnosen, wie beispielsweise eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Eine Diagnostik ist immer defizitorientiert und pathologisiert autistisches Verhalten. Alles in allem sind das schon diskriminierende Strukturen. Im Erwachsenenalter die Diagnose Autismus-Spektrum zu erhalten, ist schon nahezu ein Privileg. Ich verstehe jeden, der das nicht durchlaufen möchte oder kann, oder aber auch einfach grundsätzlich eine Selbstdiagnose ausreichend findet.

Angst vor Stigmatisierung hatte ich keine, obwohl es diese durchaus gibt. Aber ich war und bin immer der Meinung, dass man Vorurteile nicht abbauen wird, indem man sich versteckt. Eine Gesellschaft kann nicht lernen, wenn Betroffene selbst nicht benennen können, worum es geht. Der Umgang von Betroffenen mit ihrer Diagnose hat immer eine Außenwirkung.

Grundsätzlich bin ich immer pro Diagnose. Im Normalfall ist es ja so, dass es für einen Verdacht bereits einige Gründe gibt. Entweder bei einem selbst oder dem eigenen Kind fallen einem Dinge auf, die sich in der Summe nicht anders erklären lassen. Häufig ist das auch mit einem gewissen Leidensdruck verbunden. Kinder haben oft schon Probleme im Kindergarten und auch dem häuslichen Umfeld. Spätestens in der Schule wird es für viele dann sehr schwierig, die Probleme häufen sich, teilweise kommt es bereits hier zu komorbiden Erkrankungen oder Traumatisierungen. Dennoch kann es auch bei Kindern Jahre dauern, bis eine Diagnose gestellt wird.
Bei Erwachsenen ist die Diagnostik um ein Vielfaches schwerer, da es weniger Diagnosestellen gibt und sie häufig schon so stark maskieren, dass sie kaum als autistisch auffallen. Gerade Erwachsene haben aber nicht selten einen Leidensweg hinter sich, in dessen Verlauf bereits einige andere Diagnosen (häufig aus dem Bereich der psychischen Erkrankungen) gestellt wurden. Mit zunehmendem Alter und steigenden Anforderungen im Alltag, kommt es häufig vermehrt zu Zusammenbrüchen und/oder autistischen Burnouts. Ich selbst habe vier chronische Erkrankungen, die alle zumindest indirekt durch zu viel Kompensation und Maskieren, aber auch durch meine Wahrnehmung getriggert werden. Nach meinem Studium bekam ich zwei sehr heftige Burnouts, seit dem zweiten bin ich dauerhaft arbeitsunfähig.

Früher dachte ich immer, dass eine Diagnose nicht notwendig wäre, wenn kein Leidensdruck bestünde. Und überhaupt muss man heutzutage ja nicht alles und jeden in eine Schublade stecken. Heute weiß ich, das passiert eh immer. Mit der Diagnose ist man in der Schublade „Autist“, ohne wird man schnell als schrullig, nervig, anstrengend, weinerlich, hysterisch… abgestempelt.
Es lässt sich nie absehen, welche Entwicklung jemand nehmen wird. Kommt es zu einer Krise, dauert es meist, bis man geeignete Stellen und Hilfen findet. Häufig gibt es lange Wartelisten und die Bearbeitung von Anträgen dauert oft auch einige Monate. Diese Zeit hat man während einer Krise nicht, das kann in solchen Fällen wirklich fatal sein. Sinnvoller ist es dann, wenn man bereits auf eine Diagnose zurückgreifen und zumindest das Hilfesystem schnell installieren kann. Zudem ist es gerade bei Kindern so, dass sie mit einem ganz anderen Selbstverständnis aufwachsen können, wenn sie eine Diagnose haben. Kinder spüren, dass sie „anders“ sind, und suchen den Fehler häufig bei sich. Eine Diagnose kann das abfangen. Zu wissen, was bei einem los ist, hilft ungemein. Außerdem hat ein Kind ein Recht auf dieses Wissen. Was es dann im Verlauf seines weiteren Lebens damit macht, kann es selbst entscheiden.

Mein Weg:

Bevor mein Sohn zur Welt kam, hatte ich immer eine ganz große Angst davor, dass es ihm in seiner Kindheit oft so gehen könnte, wie mir. Als Kind war ich oft sehr unglücklich und einfach grundsätzlich verunsichert. Ich entwickelte damals schon Schlafstörungen, soziale Ängste und hatte spätestens in der Pubertät meine erste Depression. Mit 16 bekam ich chronische Migräne.
An Autismus dachte ich zur Zeit meiner Schwangerschaft überhaupt noch gar nicht, und dennoch erscheint es mir im Nachhinein so, als wäre mir zu dieser Zeit zum ersten Mal bewusst geworden, dass da „etwas ist“. Es war nur noch nicht greifbar.
Alles, wovor ich Angst hatte, trat ein. Mein Sohn hatte oft Overloads und Meltdowns, und tat sich mit anderen Kindern immer schwer. Er war sensorisch sehr stark überempfindlich und entsprechend schnell überreizt. Ganz lange sah ich ihn und mich jedoch als hochsensibel an und ehrlich gesagt, suchte ich darin die Lösung für alle seine Probleme. Das Wort „Autismus“ löste anfangs noch sehr viele Ängste aus, und ich war schlicht noch unwissend auf diesem Gebiet.
Drei Jahre waren wir bei Ärzten, bis mein Sohn im Alter von 6 Jahren diagnostiziert wurde. Wir mussten zu dieser Zeit auch Diagnosebögen über uns als Eltern ausfüllen, aber ich wehrte noch jeden Bezug zu mir ab, obwohl meine Bögen natürlich sehr auffällig waren. Damals wurde mir beispielsweise klar, dass ich Menschen nicht oder nur ungern in die Augen schaue.
Als dann bei mir der Gedanke reifte, dass ich doch ,wie mein Sohn, im Spektrum sein könnte, hatte ich zunächst große Angst vor einer Diagnostik, weil ich zum einen eine Ärztephobie habe, und zum anderen das Gefühl hasse, nicht ernst genommen zu werden. Ich dachte, ich hätte keine Kraft dafür. Aber je länger ich diesen Gedanken hatte, desto wichtiger wurde es mir. Ich erkannte mich so oft in meinem Sohn wieder, obwohl ich doch so ganz anders als er bin. Er war und ist in vielen Dingen expressiver, während mein Leidensdruck immer nach innen gerichtet war. Ich maskierte viel mehr als er und tue das heute noch.
Ich vernetzte mich schon früh mit anderen Eltern und vor allem AutistInnen. Ich erkannte so viele Parallelen, insbesondere zu denjenigen, die auch spät diagnostiziert wurden. Gerade der Austausch mit anderen autistischen Frauen bestärkte mich immer mehr, dass mein Verdacht stimmen musste.
Ich wollte eine offizielle Diagnose, einfach um in meinem Gefühl bestätigt zu werden (ich habe über die Jahre und durch permanente negative Rückmeldung internalisiert, dass ich meinen Instinkten nicht trauen kann). Ich hätte sonst immer das Gefühl gehabt, mir oder anderen etwas vor zu machen. Ich brauche solche Dinge für mich schwarz auf weiß, sonst kann ich sie nicht so klar annehmen. Nicht wegen fehlender Akzeptanz, sondern weil mein Kopf sich einfach weigert, den Umstand in seinem vollen Ausmaß zu erkennen und auch umzusetzen.
Zum Zeitpunkt meiner Diagnostik hatte ich keinen Druck, beispielsweise durch eine aktuelle Krise, schnell Hilfen bekommen zu müssen. Es ging dabei also lediglich um mein Gefühl und den Wunsch, es sicher wissen zu wollen.
(Wenn ich sage, dass ich keine Krise hatte, dann ging es mir dennoch nicht gut. Mein Alltag ist geprägt von Depressionen, einer vielfältigen Angststörung, und chronischen Schmerzen.)

Glücklicherweise konnte ich per eMail Kontakt zur Praxis aufnehmen, denn ein Telefongespräch kann sich als so herausfordernd darstellen, dass ich es einfach nicht erledigen kann. Insbesondere dann, wenn es um ein derart wichtiges Anliegen geht, baut sich bei mir extreme Anspannung auf.
Die Termine vor Ort in der Praxis waren sehr anstrengend für mich. Zum ersten Termin musste mich eine gute Freundin begleiten, weil ich Panik vor dem Termin und der Situation an sich hatte, aber auch, weil ich unbekannte Strecken nicht alleine fahren möchte und teilweise auch nicht kann. Irgendwo hinzufahren, wo ich mich nicht auskenne, ist eine absolute Horrorsituation für mich. Nichts, woran ich mich orientieren kann, alles ist fremd, zu viele visuelle Eindrücke in einer neuen Umgebung…ich war an diesem Morgen schon ein psychisches Wrack, bevor ich überhaupt ankam. Aber so konnte ich während des Termins auch weniger maskieren, was letztendlich gar nicht so schlecht war.
Ich hatte mich gut vorbereitet und mehrere Seiten geschrieben, was mir bei mir auffällt und worauf sich mein Verdacht begründet. Außerdem sollte ich Schul- und Arbeitszeugnisse, sowie Arztberichte von vorherigen Diagnosen mitbringen.
Es gab während der Termine mehrere Interviews, der Ados Test wurde gemacht und mein Lebenslauf besprochen. Ich musste viele Fragebögen ausfüllen, auch um andere Diagnosen auszuschließen. Einige dieser Bögen füllte mein Mann über mich aus.
Damals waren mir einige Dinge noch nicht bewusst, daher gab ich sie auch falsch an, zb. fiel mir erst einige Zeit später auf, dass ich Stimming betreibe, und das eigentlich immerzu. Es ist aber weniger offensichtlich, als es bei anderen AutistInnen der Fall sein kann, aber nicht muss. Dennoch bekam ich die Diagnose Autismus-Spektrum, geht es dabei doch immer auch um die Summe der „Auffälligkeiten“.

In den Wochen danach war ich von tiefer Wut und Panik erfüllt. Ich war total überfordert und wütend auf so viele Dinge, die mich in meinem Leben immer wieder an Punkte gebracht haben, an denen ich fast verzweifelte. Ich war wütend über meine anderen Diagnosen, die sich vielleicht hätten vermeiden lassen, oder in ihrer Ausprägung nicht so massiv ausfallen würden. Dieser Gedanke ließ mich lange nicht los. Ich konnte mich anfangs, bis auf dass ich erleichtert war, noch gar nicht über meine Diagnose freuen. Dieser Umstand hielt etwa sechs Wochen an.
Ich fing in der Folge an, alles abzulehnen, was von mir permanente Anpassung und Funktionieren über meine Grenze hinaus erforderte. Denn das war etwas, was mich gesundheitlich schließlich an diesen Punkt gebracht hat.
Meine Wahrnehmung verschärfte sich plötzlich noch einmal um ein Vielfaches. Ich spürte Overloads auf eine Art, die mich jedesmal, auch heute noch, in Panik versetzt. Was das anging, war es, als hätte sich mit der Diagnose und damit der Bestätigung, ein Schalter umgelegt. Ich erkannte auch, wo und wann ich in der Vergangenheit Meltdowns hatte.
Ich begann meine komplette Vergangenheit neu einzuordnen und mich auf eine völlig neue Art kennen zu lernen. Ich nahm mit einem Mal sehr stark wahr, wann ich überfordert war, wann ich maskierte, und wie sich Reize auf mich auswirken. Ich begann meine Grenzen zu akzeptieren und gestand mir zu, nicht zu funktionieren. In dieser Hinsicht könnte man fast sagen, ich habe Rückschritte gemacht. Denn Fakt ist, ich kann weniger aushalten oder mich anpassen, schwerer maskieren und funktionieren. Außerdem sind meine Ängste stärker geworden, was auch immer wieder mal zu Vermeidungsverhalten führt. Ich glaube aber eher, dass ich mir ihrer mehr bewusst geworden bin. Außenstehende Personen könnten durchaus den Eindruck gewinnen, dass es mir seither schlechter ginge.
Ich nehme all diese Dinge wahr, die sich früher immer nach innen richteten, und mir innerlich sehr viel Schaden zufügten. Aber geht es mir wirklich schlechter? Ich sehe das nicht so. Ich bin sehr froh, dass ich meine Grenzen eher wahrnehme und sie mir auch zugestehen kann. Das ist etwas, was ich davor nie konnte. Früher hatte ich permanent Zusammenbrüche, autistische Burnouts und regelmäßig depressive Episoden. Ich fühlte mich oft falsch, schon seit der Kindheit. Mit der Diagnose kann ich mit all dem meinen Frieden machen. Auch wenn ich mich heute manchmal noch so fremd fühle, dass es weh tut. Dieses Gefühl, nicht passen zu können oder zu wollen, überreizt mich emotional so stark, dass ich relativ schnell einen Meltdown erlebe.

Ich denke, ich bin seitdem ich meine Diagnose habe, für viele anstrengender, lauter und kompromissloser geworden. Ich habe mein Leben lang versucht, es allen recht zu machen, und das passiert mir auch heute noch häufig. Oft reagiere ich zu schnell, ohne vorher in mich hinein zu hören. Erst im Nachhinein fällt mir dann auf, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe, ob ich etwas möchte, oder nicht. Daran arbeite ich.
Trotzdem bin ich heute an einem Punkt, an dem ich viel besser für mich, meine Bedürfnisse und meine Identität einstehen kann. Und wenn das bedeutet, dass ich als anstrengend wahrgenommen werde, dann ist das so. Ich muss lernen, das auszuhalten.
Es geht mir damit also viel besser, als in meinem gesamten Leben vorher. Mein Leben bestand immer daraus, mich fehl am Platz zu fühlen, Anforderungen nicht gerecht werden zu können, funktionieren zu müssen (es aber nicht zu können), und so vieles nicht zu verstehen (was mir erst jetzt bewusst wird). Schlagartig gibt es für all das eine Erklärung. Das hilft mir, mich selbst zu akzeptieren. Ich fühle mich angekommen und ich bin jeden Tag dankbar dafür. Obwohl ich mich vorher schon im Spektrum sah, war mir nicht klar, was mir ohne die offizielle Diagnose fehlte. Das hätte ich im Vorfeld so nie abschätzen können. Aber ich verstehe jeden, der für diesen Prozess entweder die Kraft nicht aufbringen kann oder schlicht auch nicht will.

Ohne meinen Sohn wäre mir dieses Geschenk, denn als solches betrachte ich es, wahrscheinlich nie gemacht worden, er hat mir den Weg zur Autistin in mir gezeigt.

Was ich mir zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen wünsche

Eine Behinderung bezeichnet eine dauerhafte Beeinträchtigung der Teilhabe von Betroffenen in verschiedenen Bereichen des Lebens. Diese Teilhabe wird von der entsprechenden Diagnose beeinflusst, aber auch von strukturellen oder gesellschaftlichen Barrieren. Betroffene sehen sich also häufig nicht nur durch ihre Erkrankungen oder Behinderungen an der Teilhabe ge- oder behindert, sondern auch durch äußere, gesellschaftliche Einflüsse. Schafft man es, dass strukturelle Bedingungen auf Teilhabe ausgerichtet und Barrieren abgebaut werden, dann kann eine Behinderung als solche als weniger oder gar nicht mehr behindernd wahrgenommen werden. (Im Autismusbereich gibt es beispielsweise durchaus die Theorie, dass die Summe der Diagnostiken zurück gehen, wenn die Bedingungen bedürfnisorientiert angepasst werden. Je entspannter autistische Menschen leben können, desto weniger auffällig zeigen sich autistische Merkmale. Diese werden dann auch ohne Maskierung während einer Diagnostik weniger gezeigt, oder eine Diagnostik wird gar nicht nötig.).

Zum heutigen internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen habe ich ein paar Wünsche, wie ich mir den Umgang mit Behinderungen und Teilhabe vorstelle. 2008 traten zwar die Behindertenrechtskonventionen in Kraft, aber faktisch werden oft sie nicht oder nur wenig umgesetzt.

  • Das Recht auf Teilhabe steht nicht mehr zur Diskussion oder wird permanent ausgehebelt
  • Projekte im Bereich der Förderung von behinderten Menschen arbeiten auch immer zusammen mit Betroffenen und das auf Augenhöhe
  • Es entsteht ein Bewusstsein dafür, dass Barrierefreiheit nicht nur durch eine Rampe entsteht
  • Teilhabe ist für Betroffene nicht an Bedingungen geknüpft
  • Betroffene entscheiden selbst, wie sie sich ihre Teilhabe vorstellen
  • Betroffene werden von Institutionen proaktiv über ihre Rechte und Ansprüche aufgeklärt. Informationen sind barrierefrei zugänglich
  • Auch unsichtbare Behinderungen treten mehr und mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft
  • Menschen mit Behinderungen werden nicht mehr grundsätzlich als belastend für die Gesellschaft, ihre Angehörigen oder Partner gesehen
  • Ableismus jeglicher Art wird abgebaut
  • Menschen mit Behinderungen werden als selbstbestimmte Menschen wahrgenommen, das Recht auf Selbstbestimmung wird nicht abgesprochen
  • Betroffene und Angehörige müssen sich nicht mehr jede Hilfestellung erkämpfen oder aufwändig einklagen. Der Rechtsanspruch hat Bestand.
  • Betroffene werden bei Bildung, Arbeit, ärztlicher Versorgung, im Freizeitbereich oder der Wohnungssuche nicht mehr systematisch benachteiligt
  • Menschen, die in Einrichtungen leben, werden besser vor Übergriffen jeder Art geschützt. Der Umgang mit ihnen ist von Wertschätzung geprägt
  • Hilfeplanung erfolgt mit den Betroffenen und wird nicht über ihren Kopf hinweg entschieden
  • Der Behinderungsbegriff wird wertfrei genutzt.
  • Strukturelle und gesellschaftliche Barrieren werden abgebaut
  • Die Sicht der Betroffenen ist ausschlaggebend und wird nicht belächelt
  • Respektvoller Umgang mit Hilfsmitteln
  • keine Mobbing durch MitschülerInnen, LehrerInnen, KollegInnen, ArbeitgeberInnen, NachbarInnen uvm.
  • Weg von der Defizitorientierung hin zur Ressourcenstärkung
  • Hilfsmittel werden in ihrer Qualität nicht nach sozialen Aspekten bewilligt. Jedem Betroffenen sollten die gleichen, hochwertigen Hilfsmittel zur Verfügung stehen
  • Die Bedürfnisse von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen werden nicht mehr gegeneinander auf- oder abgewertet
  • Ausgewiesene Behindertenparkplätze werden ausschließlich von denen genutzt, die einen Anspruch haben
  • Städte-, Verkehrs- und Gebäudeplanung erfolgt ausschließlich barrierefrei
  • Menschen, die auf diese Dinge hinweisen werden nicht mehr als hysterisch, anstrengend oder zu fordernd hingestellt
  • Das Bewusstsein für diese Problematik ist nicht auf einen Tag wie heute begrenzt

Und was ich in diesem Zusammenhang nicht mehr hören möchte:

  • Jetzt übertreib mal nicht
  • Irgendwann muss es auch mal gut sein
  • Ihr wollt immer eine Extrawurst
  • Inklusion hat eben auch ihre Grenzen
  • Heutzutage sieht man überall Diskrimierung
  • Nix darf man mehr sagen
  • Was das alles kosten soll
  • Du nutzt deine Behinderung als Ausrede
  • Inklusion ist eine Ideologie
  • Bei Inklusion bleiben gesunde/nicht behinderte Kinder auf der Strecke
  • Behinderte Menschen sind in Einrichtungen glücklicher
  • Die Gesellschaft kann nicht alles aushalten und mittragen

Um es mal ganz klar zu sagen, wir reden hier von einem Menschenrecht. Das ist nichts, wo man sich mal eben seiner individuellen Verantwortung entziehen kann und darf. Und trotzdem erfahren behinderte Menschen tagtäglich Diskriminierung und Exklusion, und das nicht nur durch andere Menschen. Die Strukturen im Hilfesystem tragen ebenfalls massiv dazu bei. Kaum eine betroffene Person kann ihre Ansprüche und Rechte ohne Widerspruch durchsetzen. Die Bedingungen sind teilweise so schlecht, dass Menschen zusätzlich behindert werden, Behinderungen oder Erkrankungen im Verlauf dadurch negativ beeinflusst werden, und zusätzliche komorbide Erkrankungen entwickeln. Das kann nicht unser Anspruch sein!

(diesen Beitrag hatte ich vor einigen Tagen auf meinem FB Blog veröffentlicht, hier mit einiger Verspätung)

Die Löffeltheorie – eine Erklärung, warum man nicht mehr kann, auch wenn es nicht so aussieht

Vielen Menschen fällt es schwer zu verstehen, warum viele AutisInnen deutlich früher erschöpft, reizüberflutet, überarbeitet oder ausgebrannt sind. Wie den meisten betroffenen AutistInnen geht es vielen Menschen mit unsichtbaren Erkrankungen oder Behinderungen. Das Umfeld sieht keine Schmerzen, Depressionen, Schlafstörungen, Reizüberflutung und vieles mehr. Das Umfeld sieht häufig nur das, was Betroffene bereit sind zu zeigen. Und wenn sie dann an ihre Grenzen geraten, sich häufiger Ruhezeiten und Rückzug gönnen oder einfach komplett zusammenbrechen, kann das Unverständnis groß sein.

Um zu erklären, was unsichtbare Behinderungen oder Krankheiten im Alltag bedeuten, entwickelte die Lupus-Betroffene und Bloggerin Christine Miserandino eine Art Sinnbild, welches unter dem Begriff Spoon-Theory (Löffeltheorie) bekannt wurde.

Bei der Löffeltheorie schreibt man jeder Aktivität eine bestimmte Anzahl an Löffeln zu, die jeweils verbraucht werden. Hat jede Person zu Beginn eines Tages beispielsweise 25 Löffel zur Verfügung, muss man beachten, dass Menschen, die eine unsichtbare Krankheit oder Behinderung haben, aufgrund dessen im Vergleich für jede Aktivität ein Vielfaches an Löffeln verbrauchen. Je höher die individuelle Belastung (beispielsweise durch stärkere Ausprägung oder die Summe diverser beeinträchtigender Diagnosen), desto mehr Löffel werden pro Aktivität verbraucht. So kann es sein, dass eine Person ohne Beeinträchtigung eine Stunde nach dem Aufstehen am Morgen zwei Löffel verbraucht hat, während jemand anderes aufgrund seiner Diagnose schon 15 benötigt. Im Vergleich haben Betroffene ihre Löffel also wesentlich schneller aufgebraucht. Wiederum ist es so, dass man durch Pausen eventuell seinen Löffelbestand wieder aufbauen kann. Betroffene brauchen aber viel früher und auch längere Pausen, um einen vergleichbaren Effekt zu erzielen. Die meisten Löffel kann man nachts im Schlaf generieren. Allerdings sind einige der nicht sichtbaren Erkrankungen oder Behinderungen auch mit Schlaflosigkeit verbunden. Während jemand mit einem gesunden Schlaf am nächsten Morgen wieder mit der vollen Anzahl Löffel erwacht, kann es sein, dass Betroffene grundsätzlich nur mit der Hälfte in den Tag starten müssen, da ihre Nacht nicht erholsam war.

Menschen mit entsprechenden Diagnosen erleben diesen Effekt tagtäglich. Man startet mit weniger Löffeln in den Tag, verbraucht mehr Löffel für die gleichen Aktivitäten und muss zusätzlich Löffel für Dinge ausgeben, die die entsprechenden Diagnosen mit sich bringen (chronische Schmerzen, Depressionen, Panikattacken, Ängste, Fatigue, Reizüberflutung durch autistische Wahrnehmung, Nebenwirkungen von Medikamenten…).

Betroffene müssen immer und bei allen noch so kleinen Aktivitäten individuell und aufs Neue entscheiden, ob sie die nötige Kraft (Anzahl der Löffel) haben oder aufbringen können. Gehen sie mit ihren Löffeln nicht achtsam um, folgt früher oder später unweigerlich ein Zusammenbruch, der für Außenstehende dann so aussehen kann, als wäre er grundlos erfolgt. Menschen, denen man ihre Beeinträchtigung nicht ansieht, werden dann durchaus als faul, bequem und egoistisch wahrgenommen. Damit tut man Betroffenen unrecht, denn die meisten würden sich selbst wünschen, nicht so schnell ihre individuelle Grenze zu erreichen bzw. zu überschreiten. Außerdem ist dieser Umstand für viele mit sehr viel Scham und Schulgefühlen verbunden. Die eigenen Grenzen zu akzeptieren und ihnen ihre Berechtigung zuzugestehen, das ist ein Prozess, der unter Umständen sehr viele Jahre in Anspruch nehmen kann. Das Umfeld kann entscheidend dazu beitragen, indem es Betroffene unterstützt, keine Vorwürfe macht, keine Erklärungen einfordert bzw. Erklärungen nicht relativiert (zb. mit Sätzen wie: mir geht es auch manchmal so) und individuelle Grenzen akzeptiert.

Im Austausch mit autistischen Menschen fällt sehr häufig der Satz: Ich habe keine Löffel mehr. In diesem Fall ist Rückzug, Ruhe und eine reizarme Umgebung absolut notwendig. Gelingt das auf längere Sicht nicht, droht ein autistisches Burnout. Ich selbst war zweimal längere Zeit nach einem Burnout krank geschrieben. Seit dem letzten kann ich nicht mehr arbeiten gehen und habe fast zwei Jahre gebraucht, um überhaupt wieder in den Alltag zu finden. Auch haben sich meine chronischen Erkrankungen verschlimmert und eine weitere kam hinzu, als direkte Folge permanenter Überlastung.

Das Umfeld kann oft nur schwer verstehen, warum Kinder, Geschwister, Freunde oder Partner erschöpft sind, obwohl sie doch in ihren Augen vermeintlich „wenig“ geleistet haben. Sie vergessen dazu häufig, dass auch positive Dinge immer Löffel kosten, und dass Betroffene auch nach positiven Aktivitäten ihre Ruhe brauchen. Hinzu kommt, was für den einen erholsam ist, muss für den anderen noch lange nicht zielführend sein. Wichtig ist, Betroffene entscheiden selbst, wie, wodurch und woraus sie neue Kraft schöpfen. Die einen müssen sich am Tag zum Schlafen zurück ziehen (so geht es mir), während andere beim Zocken ihre Ruhe wollen. Beides ist legitim, solange die jeweilige Person dadurch besser durch den Tag kommt.

Wann wird die Beratung zur Belastung?

Seit einigen Jahren berate ich in Facebook-Gruppen zum Thema Autismus. Für mich war es schon immer wichtig, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen, zu vernetzen und dadurch neue Sichtweisen zu erhalten. Als mein Sohn kurz vor der Diagnostik stand, meldete ich mich in einer Facebook-Gruppe für Eltern autistischer Kinder an. Nach und nach wurden mir Blogs und weitere Gruppen vorgeschlagen, unter anderem die beiden Gruppen, die ich aktuell mit moderiere. Insgesamt bin ich in etwa 15 autismusspezifischen Gruppen. Gerade auch in der Anfangszeit, als ich noch völlig unwissend an dieses Thema herangegangen bin, waren die Gruppen eine wichtige Stütze zur seriösen Informationsbeschaffung. So erfuhr ich schnell, dass man bestimmte Therapiemethoden (in der Hauptsache ABA – Applied Behavior Analysis) meiden sollte, und wie die Schwurbel- und Verschwörungsszene versucht, in dem Bereich an Einfluss zu gewinnen, und das teilweise auch hat. Die Falschbehauptung beispielsweise, die MMR-Impfung löse Autismus aus, hält sich hartnäckig und hat zu einem deutlichen Rückgang bei Impfungen und zu einer allgemeinen Impfskepsis geführt.

Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, dass ich selbst im Spektrum bin. Aber der Kontakt zu anderen autistischen Menschen in den Gruppen, insbesondere zu Frauen im Spektrum, ließ mich dann doch erkennen, dass mein Sohn nicht der einzige Autist in unserer Familie ist. Zwei Jahre nach meinem Sohn erhielt ich dann selbst die Diagnose.

In dieser Hinsicht waren die Gruppen sehr hilfreich. Ich habe nicht nur ein völlig neues Selbstverständnis für den Umgang mit meinem Sohn entwickelt, sondern auch den Weg zu meiner autistischen Identität gehen dürfen. Der Kontakt zu anderen autistischen Menschen hat nach wie vor positiven Einfluss auf mein Seelenheil.

Es ist aber, wie so vieles im Leben, ein zweischneidiges Schwert. Im Folgenden beschreibe, wann und wie die Arbeit in den Gruppen sehr erschöpfend, nervenaufreibend und somit zur Belastung werden kann. Manche Themen triggern auch uns Moderatoren stark. Das geht dann einigen Mitgliedern nicht anders. Ich merke immer sehr deutlich an den Reaktionen anderer Mitglieder_innen, ob jemand, meist unbeabsichtigt, einen Nerv getroffen hat. Dazu bringen alle Autist_innen in den Gruppen ihre eigene Geschichte mit. Sehr viele von ihnen haben in ihrer Kindheit oder Jugendzeit Traumata erfahren. Ausgrenzung, Mobbing, diskriminierende Erfahrungen und erzwungene Anpassung sind Dinge, die die meisten von uns kennen. Nicht wenige haben im Laufe ihres Lebens aufgrund dessen komorbide Erkrankungen oder Störungen entwickelt. Psychische Erkrankungen oder chronische Schmerzen gehören zum Alltag vieler autistischer Menschen. Diese prägenden Erfahrungen vieler autistischer Mitglieder_innen darf man nicht aus dem Blick verlieren, wenn sie in den Gruppen meist Eltern oder aber Fachkräfte beraten. Es gibt sehr viele Dinge, für andere meist Kleinigkeiten, die bei Autist_innen immer wieder Triggerpunkte drücken. Das kann ein Nebensatz sein, oder auch die Art und Weise, wie man auf Kommentare reagiert. Es entsteht häufig der Eindruck, dass die autistische Sichtweise abgetan oder nicht ernst genommen wird. Insbesondere dann, wenn Eltern oder Fachkräfte mit dem Ziel in die Gruppen kommen, Lösungen für „unerwünschte“ Verhaltensweisen zu bekommen. Aus unserer Sicht bieten wir hier keine Lösungen, sondern erörtern die mögliche Ursache. Diese ist es dann auch, die man angehen muss, nicht die „störenden“ Verhaltensweisen. Das ist häufig der Punkt, an dem man merkt, ob Eltern an wirklichem Austausch, Input und Perspektivwechsel interessiert sind. Sind sie das nicht, reagieren sie herablassend, ignorant und abwertend. Ein Austausch auf Augenhöhe ist dann nicht mehr möglich. Eine Userin beschrieb dieses Verhalten neulich als jovial, und das trifft es sehr gut. Der Austausch wird dann oft abgewürgt mit Aussagen wie „auch ein autistisches Kind muss xy lernen“ oder „du nutzt deine Behinderung/Diagnose als Ausrede“. Diese zwei Sätze sind für mich ein ganz klares Signal, dass ich hier höchstwahrscheinlich niemanden erreichen werde. Sie sind häufig das Ende einer ganzen Reihe von diskriminierende Aussagen, mit denen Diskussionspartner_innen uns ganz klar signalisieren wollen, wo wir im Verhältnis zu ihnen stehen, wie sie uns einschätzen und dass sie unsere Argumentation für absolut inakzeptabel halten. Nicht alle Angehörigen oder gar Fachleute wollen sich ausgerechnet von autistischen Menschen erklären lassen, wie sie sich den Umgang mit autistischen Bedürfnissen vorstellen. Das geht dann nämlich doch zu weit (Sarkasmus). Ich merke generell sehr schnell, wie sich eine Diskussion mit der Zeit verändert, und welchen Einfluss bestimmte Dinge auf autistische Mitglieder_innen haben. Gereizte Stimmung und Trigger kann ich den Kommentaren sehr schnell entnehmen. Ich bin fast ausschließlich in Gruppen aktiv, die von Autist_innen geleitet werden, da diese doch am meisten an den Bedürfnissen der Kinder interessiert sind. In vielen anderen Gruppen geht es meist nur darum, dass Eltern sich gegenseitig bedauern, den Autismus ihrer Kinder verteufeln oder sich generell über ihre autistischen Mitmenschen echauffieren. Da ist für mich sehr schnell eine Grenze erreicht, da ich solche Aussagen emotional nur schlecht verarbeiten kann. Ich muss an keinem Austausch mitwirken, bei dem sich manchmal über Tage hinweg Menschen gegenseitig darin bestätigen, wie schlimm autistische Menschen doch sind.

Wir formulieren in unseren Gruppen schon sehr eindeutig, wie unsere Beratung ausgerichtet ist. Wir orientieren uns nicht an gesellschaftlichen Normen, sondern immer an den Bedürfnissen des autistischen Kindes. Dazu gehört auch, dass wir bestimmte Therapieformen wie ABA oder auch die Festhaltetherapie ablehnen. Nicht immer können Eltern oder auch Fachkräfte das nachvollziehen, weil die Ergebnisse unter Umständen nach außen hin (!) ja doch recht erfolgversprechend wirken. Sie sehen nur das Ergebnis, aber nicht, was es ihre Kinder kostet. Das Schlimme an so einer Diskussion finde ich immer, dass Betroffene dann dazu genötigt werden, ihre eigenen traumatischen Erlebnisse zu schildern, um zu verdeutlichen, worum es ihnen geht. Damit macht man sich in der Beratung auf eine Art angreifbar, weil man intimste Erlebnisse und Gefühle teilt. Noch wesentlich dramatischer ist es dann, wenn man auch nach einer solchen Schilderung nicht ernst genommen und an dem Standpunkt festgehalten wird. Das kann einen schon sehr an die Belastungsgrenze und darüber hinaus bringen. Folglich passiert es immer wieder, dass Autist_innen den Eindruck gewinnen, ihre Expertise spiele keine Rolle, mit dem Ergebnis, dass sie sich aus der Beratung zurück ziehen. Denn das ist frustrierend und unglaublich respektlos uns gegenüber und gerade auch das triggert viele von uns enorm. Es ist die Art und Weise, wie einfach zu oft mit uns, unseren Bedürfnissen und unseren Ressourcen umgegangen wird.

Sehr schwierig wird es für uns, wenn wir ganz konkret lesen müssen, wie negativ Eltern ihre Kinder betrachten, zu welchen Dingen Kinder wider ihrer autistischen Bedürfnisse zu Hause oder in Therapien genötigt werden, oder welche Konsequenzen sie wegen ihres autistischen Verhalten tragen müssen. Ich habe von Kindern gelesen, die man auf dem Boden schlafen ließ, die man in ihren Betten fixierte, denen man Lebensmittel aufzwang, obwohl sie sich davon erbrachen, die man stundenlang der Festhaltetherapie unterzog, die von Lehrer_innen vor der ganzen Klasse gedemütigt wurden, deren Eltern die Annahme der Diagnose verweigerten, denen gedroht wurde, sie ins Heim zu stecken, die in ihren Zimmern eingeschlossen wurden, die von ihren Eltern mit MMS-Einläufen gequält wurden, die emotional erpresst oder bestraft wurden, Kinder denen jedes einfache Hilfsmittel in der Schule verboten wurde, und solche, die zu neurotypischem Verhalten gezwungen wurden, obwohl es für sie eine Tortur war. Von einigen dieser Dinge lese ich täglich. Und das ist tatsächlich etwas, was sich nur schwer aushalten und verarbeiten lässt. Das kann man in Anbetracht des eigenen Stresses, dem man täglich ausgesetzt ist, nicht immer oder für lange Zeit machen.

Ich merke sehr schnell, wie sich eine Diskussion mit der Zeit verändert, und welchen Einfluss all diese Dinge auf autistische Mitglieder_innen haben. Manchen Eltern ist nicht bewusst, wie ihre Art mit uns umzugehen, uns immer wieder stresst oder gar triggert (je nach eigener Geschichte, Erfahrung oder Traumatisierung). Sie verstehen nicht, welche Kompensationsleistung in solchen Momenten vollbracht werden muss. Es kann mitunter sogar vorkommen, dass Eltern unseren Autismus gegen uns verwenden, insbesondere dann, wenn ihnen die Argumente ausgehen oder wir ganz direkt ansprechen, welche Dinge wir für autistische Kinder als schädlich empfinden. Ich würde mir an dieser Stelle tatsächlich mehr Bewusstsein von Eltern für diese Problematik wünschen. Autistische Menschen gehen im Grunde permanent an ihre Belastungsgrenze, um ihnen und ihren Kindern zu helfen.

Würde sich die Beratung immer derart gestalten, dann hätte ich mich wahrscheinlich schon längst zurück gezogen und würde nur noch für meinen Blog schreiben. Glücklicherweise erreicht man in den Gruppen doch einige Menschen, die offen für den Perspektivwechsel sind, die autistischen Menschen wertschätzend begegnen, und (was ich immer besonders schön finde) ihre eigene autistische Identität finden.

Bei weitem nicht immer sind es die Eltern, die mit ihren Schilderungen eine Herausforderung darstellen. Oftmals sind die Eltern sehr verzweifelt, haben ein traumatisiertes Kind zu Hause und bekommen kaum Unterstützung, sondern im Gegenteil noch sehr viel Druck von außen. Jugendämter und Schulen sind nicht immer eine Entlastung. Die Eltern sind dann durch das Leid ihrer Kinder an sich schon an ihrer Belastungsgrenze und haben dadurch oftmals nicht mehr die Kraft, sich gegen Aussagen und Verurteilungen von Lehrer_innen oder Sachbearbeiter_innen zu wehren. Ihnen wird häufig unterstellt, dass sie Schuld am Zustand ihres Kindes haben. Ich denke, Nicht-Betroffene können sich gar nicht ausmalen, unter welchem Druck Eltern in solchen Fällen stehen können. Auf der einen Seite das Kind mit immensem Leidensdruck und auf der anderen Seite ein System, das versucht, die Kinder anzupassen und sie in eine gesellschaftliche Norm zu pressen, ungeachtet dessen, dass ein autistisches Kind dadurch großen Schaden davon tragen kann. Persönlich kann ich das oft nur schwer aushalten, weil ich selbst erleben musste, wie ein System ein Kind kaputt machen kann. Man fühlt sich oft hilflos ausgeliefert und ist unglaublich abhängig von denjenigen, die mit dem Kind arbeiten, sei es in der Schule oder in einer Therapie. Aber auch Entscheidungsträger wie das Jugendamt können in einzelnen Fällen die Situation noch verschärfen. Es gibt ein großes Machtgefälle innerhalb des Systems.

Schade finde ich (und ich weiß, dass viele autistische Menschen das durchaus auch als belastend empfinden), dass es bei all dem noch (!) relativ wenig Raum für den Umgang mit diskriminierenden und ableistischen Strukturen und Sichtweisen eines jeden im Alltag gibt. Das fängt nämlich schon weit früher an, als ich es oben beschrieben habe. Wir, und ich nehme mich da nicht aus, nehmen im Alltag permanent Wertungen vor, sei es durch bestimmte Begrifflichkeiten oder die Kategorisierung von vermeintlichen „Defiziten“. Hinzu kommen strukturelle Probleme in den Bereichen Bildung, Inklusion, Diagnostik und Therapien, die immer wieder Diskriminierung fördern und festigen. Das Bewusstsein dafür (wie es beispielsweise die Autistic Pride Bewegung versucht zu schaffen), wo Diskriminierung anfängt, und wie man ihr begegnen kann, ist häufig fast kaum vorhanden. Versucht man im Ansatz solche Dinge anzusprechen, wird das schnell als überzogen, unwichtig (in dem Sinne, dass es doch wichtigere Dinge gäbe) und störend empfunden. Dieser Problematik wird in der Beratung derzeit (noch) zu wenig Platz eingeräumt. Dennoch wird das, zurecht, als diskriminierend wahrgenommen und hat dann auch Einfluss auf die im Austausch befindlichen Autist_innen. Für Nicht-Betroffene sind es nur Kleinigkeiten, aber tatsächlich sind es Dinge, die wesentlichen Einfluss auf den Umgang mit autistischen Menschen haben. Ihnen sollte also mehr Raum gegeben werden.

Ich freue mich über jede/n, die/den ich erreichen kann. Es ist nicht leicht, immer wieder das eigene Erleben zu schildern, insbesondere wenn es sich dabei um negative Erlebnisse handelt. Umso schöner sind die Berichte von Eltern, die aufgrund der Schilderungen von Autist_innen besseren Zugang zu ihren Kindern erlangen konnten, und die so viel besser für deren Bedürfnisse auf so vielen Ebenen eintreten können. Damit haben wir unser Ziel erreicht!

Die Maske – ein Streitthema

Es gibt derzeit kaum ein Thema, das derart polarisiert, wie die Maske bzw. die Maskenpflicht an verschiedenen Orten und für alle möglichen Bevölkerungsgruppen. Die Maske steht wie nichts anderes für die Pandemie.

Die Diskussion darum macht mich mittlerweile aggressiv. Ich trage die Maske, aus solidarischen Gründen. Ich möchte nicht verantwortlich sein, wenn jemand sich ansteckt. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, diese Pandemie in den Griff zu bekommen. Genauso verfährt meine Familie mit vielen anderen Dingen. Wir isolieren uns weitestgehend, mein Mann ist im Homeoffice, wir gehen nur zum Einkauf unter Menschen und wir haben nur vereinzelt „sichere“ Kontakte. Ich denke: wer diese verdammte Maske tragen kann, soll das auch tun, und zwar über Mund und (!) Nase! Wenn man nur einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dass man eine andere Person nicht infiziert, dann sollte das Grund genug sein.

Für viele autistische Menschen ist die Maske jedoch sensorisch eine große Herausforderung. Für mich auch. Für mich ist das Atmen nicht das Problem, obwohl ich Asthmatikerin bin. Aber meine Sinne sind durch das Tragen der Maske stark überreizt. Ich kann mich schlechter orientieren und konzentrieren, alles am Kopf stört mich sowieso und triggert schnell eine Migräneattacke. Aber gut, es ist jetzt eben so. Ich habe mit der Maske sogar Sport im Fitnessstudio gemacht.

Mein Sohn hat aufgrund seines Autismus eine Befreiung bekommen. Allerdings haben wir im Alltag immer wieder unterschiedliche Systeme geübt, da wir finden, dass jeder im Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten seinen Teil dazu beitragen sollte. Wenn es dann nicht möglich ist, dann ist das so. Aufgrund der Befreiung war er ein halbes Jahr in keinem Geschäft. Wäre das ein Thema für die Schule, würde ich ihn von der Präsenzpflicht befreien lassen. Ich möchte nicht, dass er jemanden gefährdet. Im Alltag war es hin und wieder so, dass er die Maske trotzdem tragen musste, beispielsweise bei Arztterminen. Aber wie gesagt, wir haben geübt und mittlerweile geht eine Maske. Er ist dafür mein persönlicher Held, da er mit dem Thema reifer und verantwortungsbewusster umgeht, als so manch andere Menschen. Das habe ich ihm auch so kommuniziert und er war sehr stolz auf sich.

In den FB-Gruppen haben wir das Thema fast täglich. Insbesondere autistische Kinder tun sich häufig mit der Maske schwer. Die sensorische Wahrnehmung, ein Fremdkörper im Gesicht und oft einsetzende Panik macht es einigen Kindern einfach unmöglich, die Maske zu tragen. Aber auch einige erwachsene Autist_innen schaffen es nicht. Ich finde, das muss man unbedingt akzeptieren. Das ist in solchen Fällen dann auch keine Frage des Wollens.

Ich persönlich würde dann versuchen, Dinge zu delegieren, um so nur im äußersten Notfall in die Situation zu kommen, doch eine Maske tragen zu müssen. Auch würde ich im Vorfeld abklären, inwieweit ein Attest akzeptiert würde. Das kann Betroffenen unangenehme Situationen ersparen.

Tatsächlich treffen im Falle einer Befreiung von der Maskenpflicht zwei Bedürfnisse aufeinander, und ehrlich gesagt, sehe ich keine wirkliche Lösung für diesen Zwiespalt. Die einen können behinderungsbedingt keine Maske tragen, und die anderen haben das berechtigte Bedürfnis nach Selbstschutz. Niemand möchte sich dem Risiko einer ernsthaften und möglicherweise lebensbedrohlichen Infektion aussetzen. Menschen mit Behinderungen argumentieren, dass sie diskriminiert würden, und aus dieser Sicht stimmt das auch. Aber ich kann von niemandem verlangen, dass er sich diesem Risiko aussetzt. Fast jeder kennt jemanden, die/der Risikopatient_in ist, oder ist es sogar selbst. Ich kann von keiner Lehrkraft beispielsweise verlangen, dass sie ihr herzkrankes Kind gefährdet. Wie gesagt, da prallen zwei Dinge aufeinander, die eigentlich nicht miteinander vereinbar sind.

Mittlerweile ist es leider auch so, dass durch das egoistische und unsolidarische Verhalten der Maskenverweigerer diejenigen stigmatisiert werden, die zurecht eine Befreiung von der Maskenpflicht haben. Sie werden beschimpft, zurecht gewiesen oder sogar durch öffentliche Kampagnen pro Maske mit Maskengegnern gleich gesetzt. So gab es zuletzt eine Kampagne, bei der eine Oma mit Maske jedem Menschen ohne Maske einen Mittelfinger zeigte. Zurecht wurde das auch von MmB kritisiert. Betroffene trauen sich teilweise nicht mehr unter Menschen, aus Angst vor den Reaktionen ihrer Mitmenschen.

Die Fronten von Gegnern und Befürwortern der Maske sind verhärtet. Ich bin selbst absolut pro Maske und merke, wie sehr der öffentliche Diskurs an meinen Nerven zerrt. Das Verhalten der Maskenverweigerer empfinde ich als absolut gefährlich für unsere Bevölkerung, zumal es ja nicht dabei bleibt, die Maske nicht anzuziehen. Es wird bewusst kein Abstand gehalten, Massenveranstaltungen besucht und durch Falschmeldungen versucht, die öffentliche Meinung dahingehend zu beeinflussen. Auch in unseren Gruppen (Selbsthilfegruppen für Eltern autistischer Kinder) gibt es nicht einen Beitrag, der wirklich zielführend verläuft. Oft geht es ja nur darum, sich Infos rund um Formalitäten einzuholen. Diese Infos beinhalten die wenigsten Kommentare. Wir haben bei unseren Gruppen den Konsens, dass wir zwar Tipps geben, aber durchaus auch Alternativen aufzeigen, weil wir finden, es sollten zumindest alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Das ist dann wiederum von einigen Eltern gar nicht erwünscht, was ich persönlich nicht nachvollziehen kann: Es war ein halbes Jahr lang absehbar, worauf es hinausläuft und es wird sich sicher auch noch verschärfen. Da versuche ich doch, alle Möglichkeiten auszuloten. Außerdem sollten Eltern das Ganze positiv begleiten. Wenn ein Kind eh schon Probleme mit dem Thema hat, wird das sicher nicht besser, indem ich selbst das Ganze nur negativ behandele. Gerade auch bei autistischen Kindern kann es durchaus helfen, das Thema auf einer rein sachlichen und wissenschaftlichen Ebene zu betrachten. Gibt es eine logische und nachvollziehbare Begründung für das Tragen der Maske, hilft das vielen.

Natürlich gibt es auch nach dem Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten und auch trotz guten Zuredens immer noch autistische Kinder, für die das Tragen der Maske unmöglich ist. Für diese Kinder ist eine Befreiung natürlich sinnvoll. Es bringt nichts, ein Kind permanent in einen Meltdown oder in eine Panikattacke zu treiben. Das könnte gerade auch bei autistischen Kindern dazu führen, dass noch eine ausgeprägte Angststörung hinzu kommt. Ohnehin haben sehr viele Autist_innen derzeit wieder vermehrt mit Ängsten zu kämpfen. Man muss das Thema also auch durchaus sensibel angehen. Auf keinen Fall würde ich eine_n Autist_in dazu zwingen, eine Maske überzuziehen, oder gar davon abhalten, sie abzusetzen. Das ist dann ein massiver Übergriff, der großen Schaden anrichten kann.

Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist, wenn Eltern ihren Kindern ein Trauma regelrecht einreden, oder andere Eltern als verantwortungslos bezeichnen, weil deren Kinder eine Maske tragen. Kinder, auch Kinder mit Behinderungen, können durchaus gesund und verantwortungsvoll mit dieser Situation umgehen. Zudem gibt die Maske auch durchaus ein Gefühl von Handlungsfähigkeit. So können sie andere schützen und bekommen auch wieder mehr das Gefühl, dass auch ihre Lieben weniger Risiken ausgesetzt sind.

Egal, ob ein Kind jetzt aufgrund einer Behinderung eine Befreiung hat, oder die Maske trotzdem tragen kann, so ist dies eine Ausnahmesituation für alle. Da sehe ich die Aufgabe der Eltern vor allem darin, ihre Kinder in dieser Zeit positiv im Einhalten von Regeln zu bestärken, sie aufzufangen und ihnen Sicherheit zu geben. Ich finde auch, man sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein, und alle Möglichkeiten ausloten, und auch seine Kinder frühzeitig auf kommende Veränderungen vorbereiten. Es bleibt uns derzeit einfach nichts anderes übrig. Nur indem wir uns, soweit wie individuell möglich, solidarisch verhalten, können wir das Kommende beeinflussen!

Und für alle als Mutmacher, den ich neulich selbst mal gebraucht habe: Denkt immer daran, dass euerer solidarisches Verhalten dazu beigetragen haben könnte, dass eine andere Person noch lebt!

Autismus und Partnerschaft – ein Mitleidsfaktor?

Vor einiger Zeit las ich auf Facebook einen Artikel von Spiegel-Online. Das Thema war „ungleiche“ Partnerschaften. In diesem Falle ging es um eine Frau mit stark ausgeprägter Hochsensibilität und ihren Partner. Der Artikel ist Teil einer ganzen Reihe, bei der Menschen von ihren „ungleichen“ Partnerschaften berichten. Es wurden noch weitere Menschen gesucht, die aus ihrem Alltag erzählen. Zunächst dachte ich, das wäre doch mal ein interessantes Thema für mich. Zumal es meist nur Berichte von Paaren gibt, bei denen der Mann autistisch und die Frau neurotypisch ist. Es gibt nahezu keine Berichte, in denen es andersherum ist. Auch von gleichgeschlechtlichen oder queeren Partnerschaften liest man in dieser Hinsicht nichts. Aber dann las ich die Kommentare. Und ich verwarf direkt den Gedanken, mich dazu zu äußern.

Ich will mich auch hier nicht direkt zu meiner Partnerschaft äußern, sondern darüber, wie Partnerschaften wie unsere häufig gesehen werden. In den Kommentaren bei Spiegel-Online wurde dem Partner entweder Mitleid bekundet, oder aber er wurde dafür, dass er es mit dieser Frau „aushält“ heroisiert. Für sowas müsse man schon ein besonders starker Mensch sein, denn (so klang es unterschwellig immer mit) sonst wäre er gar nicht in der Lage, mit dieser Frau eine Partnerschaft zu führen. Kaum einer der Kommentatoren kam auf die Idee, dass die Frau ihrem Partner auch etwas zu bieten hat. In fast jedem Kommentar schwang mit: der arme Mann.

Ich empfand die Kommentare für jede Person in einer ähnlichen Situation furchtbar entwürdigend. Was sagt das dann beispielsweise über meine Partnerschaft aus? Ist mein Partner nur aus Mitleid mit mir zusammen? Hätte er nichts Besseres haben können? Versaue ich ihm dadurch, wie ich bin, sein Leben? Habe ich nichts, was mich trotz meiner Einschränkungen liebenswert macht? Kann man so überhaupt eine gleichberechtigte Beziehung führen? Bin ich ausschließlich eine Belastung? Bin ich egoistisch, weil ich mich meinem Partner zumute? Und muss ich dankbar dafür sein, dass er sich überhaupt mit mir abgibt?

Es mag solche Menschen überraschen, aber man kann durchaus eine zufriedene und glückliche Beziehung führen, auch wenn ein Partner oder eine Partnerin Umstände mit sich bringt, die ihn oder sie einschränken und auch Auswirkungen auf den Beziehungsalltag haben können. Mein Partner muss nicht bemitleidet werden, und ich muss auch nicht vor ihm auf die Knie fallen, weil er sich mit mir abgibt. Mein Mann ist weder aus Mitleid mit mir zusammen, noch muss ich mit irgendwelchen zweifelhaften Mitteln an mich ketten. Ich denke, unsere Beziehung ist glücklicher als viele andere „normale“ Beziehungen. Wir achten und respektieren die Bedürfnisse des Anderen und geben diesen Raum, wir haben viele gemeinsame Interessen, verbringen wahnsinnig gerne Zeit miteinander und führen viele intensive Gespräche. Wir sind glücklich. Wir streiten sehr selten und gehören auch nicht zu den Paaren, die sich im Restaurant gegenüber sitzen und nicht wissen, worüber sie sich unterhalten sollen.

Ich weiß, solche Kommentare sagen mehr über die Menschen aus, die so etwas äußern, als über mich. Dennoch sind sie ein Teil dessen, wie die Gesellschaft auf Menschen wie mich schaut, welche Wertung sie vornimmt und wie sie mich und viele andere Menschen einordnet. Das Schlimme ist, es gibt sogar Betroffene selbst, die sich stolz zeigen, mit einem „normalen“, gesunden, nicht-behinderten Partner zusammen zu sein. Sie nehmen selbst eine Wertung vor oder sehen es als „Qualitätsmerkmal“ für sich selbst. „Seht her, so weit habe ich es gebracht. Ich muss mich nicht mit jemandem wie mir zufrieden geben.“ Klingt traurig, oder? Ist es auch. Zeigt es doch, wie Betroffene selbst schon die Sichtweise annehmen, dass sie kaputt oder weniger wert sind (internalisierter Ableismus). Daran ist nichts gesund. Es zeugt von ganz wenig Akzeptanz der eigenen Identität.

Dennoch, solche Dinge sind wunderbar dazu geeignet, mich anzutriggern, schließlich war fehlende Akzeptanz etwas, was mich während meines Lebens größtenteils begleitet hat. Eigentlich spiegelt die Gesellschaft uns permanent, wie ignorant und engstirnig sie ist. Lese ich in den sozialen Netzwerken etwas über Autismus, was nicht aus der autistischen Community kommt, bin ich jedesmal entsetzt. Wirklich jedes Mal triefen die Kommentare nur so von Hass, Ableismus, Vorurteilen und Ignoranz, und zwar egal, um welchen Themenbereich es geht.

Sind meine Vorstellungen vom Umgang mit Diversität wirklich so utopisch? Bin ich durch mein Umfeld so verwöhnt? Das mag man denken, aber es zeigt mir auch, dass gar nicht so viel nötig ist, um einen anderen Weg einzuschlagen. Und vor allem, um beim Thema zu bleiben, man kann eine „ungleiche“ Partnerschaft führen, in der diese „Ungleichheit“ keine Rolle spielt.

Der „Schwerinordnung-Ausweis“, „besonders“ und andere Euphemismen – warum ich sie nicht mag

Etwas, was ich wirklich nicht leiden kann, sind Euphemismen. Euphemismen sind beschönigende oder mildernde Ausdrücke für Begriffe, die einem unangenehm sind. In diesem Fall das Wort „Behinderung“.

Es gibt da so allerlei Begriffe, die im Alltag relativ häufig Verwendung finden. Der wohl bekannteste ist „besonders“. Ich kann es fast schon nicht mehr hören oder lesen. Das hat sich so durchgesetzt, dass fast jeder weiß, was damit gemeint ist.

Ich persönlich frage mich immer, warum man solche Begriffe nutzt. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass es darum geht, eine Behinderung nicht als solche benennen zu wollen. Entweder, weil man Angst vor Stigmatisierung hat, oder weil man im tiefsten Innern selbst eine negative Wertung für den Behinderungsbegriff vornimmt.

Eine Behinderung als solche ist erst einmal etwas, was Betroffenen im Alltag die Teilhabe am (gesellschaftlichen) Leben erschwert. Es gibt sichtbare und unsichtbare Behinderungen, aber jede kann für sich eine Person im Alltag individuell einschränken. Diese Einschränkungen im Alltag sollten bestenfalls durch Inklusion, Nachteilsausgleiche und Barrierefreiheit ausgeglichen werden.

Jetzt erlebe ich es eigentlich täglich, dass Menschen mit Euphemismen arbeiten. Eins davon ist der Schwerinordnung-Ausweis. Eigentlich ist es nur eine Hülle mit der entsprechenden Aufschrift für den Schwerbehinderten-Ausweis. Diesen bekommt man, bei tatsächlichen und sehr einschränkenden Beeinträchtigungen. Das heißt, man wird durch eine Diagnose an der Teilhabe behindert und gehindert. Ja, auch die Gesellschaft behindert diese Teilhabe oft, aber eben nicht nur.

Ich weiß, dass Behinderungen als solche nach wie vor negativ gewertet werden. Ich weiß selbst sehr wohl darum, was es bedeutet, seine Behinderung offen zu benennen, sich zu outen. Gerade deswegen ist es mir so wichtig, dass wir von dieser Wertigkeit weg kommen. Und das werden wir nicht, indem wir irgendwelche Euphemismen wie diesen Ausweis nutzen. Wir selbst sagen damit, dass Behinderungen etwas schlechtes sind, etwas, was man so nicht aussprechen und benennen sollte. Wir zeigen der Gesellschaft damit, dass wir verstehen, warum wir diskriminiert werden. Wir müssen das anders vorleben. Wer, wenn nicht die Betroffenen selbst können da mit positivem Beispiel voran gehen? Vor kurzem stieß mich jemand auf den Begriff „internalisierter Ableismus“. Also eine diskriminierende Einstellung von anderen, die man sich selbst zu eigen gemacht hat. Bei der Verwendung solcher Begriffe passiert genau das, wenn sich sicher nicht bewusst. Man nimmt selbst eine negative Wertung des Behinderungsbegriffes vor, und ersetzt ihn daher, durch vermeintlich wohlmeinendere Ausdrücke. Aber Behinderungen sind ein Teil von Diversität. Sie machen uns nicht schlechter oder besser, als andere Menschen. Man kann das völlig wertfrei betrachten.

Der Punkt ist, niemandem ist damit wirklich geholfen. Die Behinderung als solche ist nach wie vor da. Es kann mir niemand erzählen, dass er durch die Verwendung alternativer Begriffe weniger diskriminiert wird. Stattdessen wird Betroffenen vorgegaukelt, was wir nicht haben: Akzeptanz und Teilhabe. Diskriminierung und Ausgrenzung gibt es aber weiterhin. Nicht-Betroffene können sich vormachen, dass man mit Menschen mit Behinderungen so toll umgeht. Es soll nicht nur Betroffenen ein besseres Gefühl geben, sondern auch Nicht-Betroffenen. Letzteres ist meiner Ansicht nach auch mit ein Grund, warum dieser Vorschlag aufgegriffen und in die Tat umgesetzt wurde. Warum sollte man etwas nur für Menschen mit Behinderungen tun? Das wäre ja fast so, als würde man deren Menschenrechte anerkennen und vor allem umsetzen. Stattdessen wird sich auf solchen Dingen ausgeruht. Ich weiß, das klingt zynisch. An dieser Stelle bleibt mir oft nur noch, zynisch zu reagieren. Ich weiß nämlich, wie das ist, wenn das eigene Kind beispielsweise nicht in den hiesigen Sportverein darf oder nicht zu Aktivitäten mit befreundeten Kindern eingeladen wird (ich habe zb. jahrelang Kinder zum Geburtstag meines Kindes eingeladen, obwohl er selbst keine Einladung erhalten hat). Vor Jahren habe ich mich öffentlich mit einem großen Freizeitpark angelegt, weil dieser es sämtlichen Menschen mit Behinderungen laut der eigenen Agenda verbietet, deren Fahrgeschäfte zu nutzen. Das sind die Dinge, die für mich als Mutter furchtbar sind, aber mein Sohn hat auch selbst sehr schlimme Erfahrungen dahingehend machen müssen, wie aufgrund seines Autismus mit ihm umgegangen wurde. Ich lese jeden Tag davon, wie Menschen mit Behinderungen ausgegrenzt werden und wie schon fast missbräuchlich mit ihnen umgegangen wird.

Ein weiterer Aspekt bei Euphemismen ist, man verniedlicht, romantisiert und verharmlost Behinderungen und das Erleben von Betroffenen. Es gibt Gründe, warum man für sich oder das Kind einen Grad der Behinderung oder einen Pflegegrad beantragt. Das macht man doch nicht, weil alles so schwer in Ordnung ist. Genauso fällt im Bezug auf Autismus gerne mal der Begriff „Superkraft“, den ich genauso wenig für mich annehmen kann. Wenn alles so super ist, benötigt man die oben genannten Unterstützungsformen nicht.

Ich weiß sehr wohl, warum und aus welcher Intention heraus so etwas entsteht. Ich kann den Grundgedanken verstehen. Insbesondere Kinder möchten aufgrund ihrer Behinderung nicht auffallen (bei autistischen Kindern erlebt man das zb. oft, indem sie Kopfhörer oder eine Schulbegleitung ablehnen). Die Erfahrungen im Alltag spielen da natürlich eine große Rolle, dem bin ich mir bewusst. Ich weiß, welche wirklich schlimmen Traumata Kinder dadurch erleben können. Und gerade für solche Situationen ist so etwas sicher hilfreich, zumindest als Überbrückung. Man kann von traumatisierten Kindern nicht verlangen, dass sie eine „gesunde“ Einstellung zu dem Thema haben, in dem Sinne, dass sie den Fehler nicht bei sich oder der Behinderung suchen. Ich will auch keinesfalls individuelle negative Erfahrungen runterspielen. Ich möchte dafür sensibilisieren, warum es nicht hilfreich ist, wenn solche Dinge quasi inflationär genutzt werden.

Meine Behinderung sagt nichts über meinen Wert als Mensch aus. Sie sagt nur aus, dass es Bereiche im Alltag gibt, in denen ich an der Teilhabe gehindert bin. Ich persönlich habe allerdings schon genug damit zu kämpfen, dass meine Einschränkungen auch anerkannt und überhaupt wahrgenommen werden. Ich denke, gerade Menschen mit unsichtbaren Behinderungen wird mit solchen Euphemismen noch weniger geholfen. Ihnen wird ohnehin schon zu oft ihr Leidensdruck und ihre Einschränkungen abgesprochen.

Jetzt mag sich das so anhören, als würde ich mich komplett über meine Behinderung oder als behinderte Person definieren. So ist es gar nicht. Bei uns im Alltag spielt das erst mal keine Rolle, weil es wie selbstverständlich dazu gehört. Selbst mein Sohn spricht über seinen Autismus und seine Behinderung in ähnlicher Form, wie er es über seine Haarfarbe tun würde. Er würde nie auf die Idee kommen, heimlich zu stimmen, keine Kopfhörer tragen zu wollen oder sich selbst die Schuld für seine negativen Erlebnisse zu geben. Erst recht nicht würde er sich krampfhaft anpassen, damit er keine „Angriffsfläche“ mehr bietet. Ich finde das eine wunderbare Art von Selbstverständnis. Mit Sicherheit konnten wir als Eltern das nur zu einem gewissen Teil beeinflussen, vieles ist bestimmt auch charakterabhängig. Ich will also nicht sagen, dass Eltern ihren Kindern nur eine gesunde Basis mitgeben müssen, und dann kommen solche Probleme gar nicht erst auf. Damit würde ich sehr vielen Eltern unrecht tun, denn so viele versuchen jeden Tag nichts anderes, als ihrem Kind ein positives Selbstverständnis zu vermitteln. Genau diese Eltern, deren Kindern so etwas sehr schwer fällt, brauchen die Unterstützung von Betroffenen, die den Weg positiv begleiten und versuchen, das gesellschaftliche Bild von Behinderungen zu verändern.

Deswegen möchte ich so gerne hin zu mehr Akzeptanz und Selbstverständlichkeit, aber die fängt bei uns selbst an, wir müssen sie vorleben.

Anmerkung: Nicht alle Menschen mit einer Behinderung sehen sich als behindert an. Das ist für mich valide, denn nur die Betroffenen selbst können entscheiden, ob sie sich eingeschränkt fühlen.

Der latente Ableismus in den sozialen Netzwerken

Soziale Netzwerke sind nichts für schwache Nerven. Wer soziale Netzwerke insbesondere bei polarisierenden Themen nutzt, der kennt das: Drohungen, Beleidigungen, Herabwürdigungen. Das sind die offensichtlichen Dinge, die eigentlich für jedermann sichtbar sind. Hin und wieder kommt es auch zu Verurteilungen, aber in der Regel kommen solche Menschen ungeschoren davon.

Aber darüber will ich gar nicht schreiben. Mir geht es vielmehr um latenten, immer vorhandenen Ableismus in den sozialen Netzwerken. Dieser ist mal mehr und mal weniger sichtbar, aber im Grunde zeigt er ein ganz gutes Abbild unserer Gesellschaft. Machen wir uns nichts vor, Ableismus, in welcher Form auch immer, gehört zu unserem Alltag.

Dieser tägliche Ableismus zieht sich eigentlich durch alle Schichten, es sind nicht nur Leute aus den Reihen der AfD, die sich beispielsweise besonders stark darin fühlen, Greta Thunberg mit Hass zu überziehen. Man findet sowas auch gerne bei Leuten aus dem linkspolitischen Spektrum. Ich weiß das leider, weil ich mich selbst in solchen Gruppen bewege.

Und da ich meine Klappe nicht halten kann, dürft ihr jetzt gerne an solchen Beispielen teilhaben:

  • Vor einiger Zeit machte ein Tweet die Runde, in dem jemand ganz offen schrieb, man müsste Autismus unter Strafe stellen. Zugegeben, die Dame wollte offensichtlich trollen und vielleicht ein bißchen „fame“ werden, das ganze aber auf Kosten und zu Lasten von Autist*innen.
  • Das Nutzen von Schimpfwörtern wie „Spast/Spati“ oder Aussagen à la „das ist ja voll behindert“. Ich denke, das kenne wir alle und es bedarf an dieser Stelle keine gesonderte Erklärung.
  • Behinderungen werden negativ gewertet, und nicht als Teil von Diversität angesehen. Am „Besten“ ist es, wenn man einem Menschen seine Behinderung nicht ansieht, er sich normal verhält oder keine sichtbaren Merkmale seiner Behinderung aufweist (*Ironie off*)
  • Völliges Ignorieren von Menschen mit Behinderungen, wenn sie sich zu ihren spezifischen Themen äußern. Das ist etwas, was mir in Kommentarspalten häufig passiert. Ich oute mich als Autistin und kommentiere ein autismusspezfisches Thema. Meist muss man, was erst mal nicht schlimm ist, einige Dinge richtig stellen. Anstatt jedoch mit mir ins Gespräch zu gehen, werde ich dann komplett ignoriert, auf meine Einwände wird nicht eingegangen und es wird weiterhin an falschen Aussagen festgehalten.
  • Dicht danach kommt das Auslachen über den Reaktionsbutton. Dies passiert besonders dann, wenn man sich „beschwert“ oder unbequem wird, Dinge anprangert.
  • Diverse Challenges zb. über TikTok. Vor einiger Zeit gab es dort die #AutismChallenge. Hier wurden behinderte/autistische Menschen nachgeäfft oder die Betroffenen selbst wurden derart unter Stress gesetzt, dass sie einen Meltdown erlitten. Dies wurde dann gefilmt, und online auf der Plattform zur Verfügung gestellt. Menschen wurden in intimsten Situationen ihres Lebens gezeigt und bloßgestellt. TikTok löscht die Videos mit dem entsprechenden Hashtag, doch wurden die Videos dann einfach ohne den Hashtag wieder hochgeladen.
  • Etwas, was sehr häufig passiert ist, dass krude Thesen über Autismus verbreitet werden. Es gibt ja nun mal leider sehr viele Vorurteile über Autismus, die sich hartnäckig halten. Man kann den meisten Leuten erst mal keinen Vorwurf deswegen machen, denn sie wissen es meist nicht besser. Aber häufig werden diese Vorurteile genutzt, um negative, vermeintlich autistische Verhaltensweisen zu skizzieren. Autisten werden so in ein schlechtes Licht gerückt. Beispielsweise wird die Fähigkeit zur gegenseitigen Kommunikation gänzlich angesprochen, Verhalten wird als exzentrisch, egozentrisch, narzisstisch klassifiziert. Auch werden diese Vorurteile dann quasi als entwaffnendes Argument im Gespräch genutzt. Sehr häufig passiert das, wenn Autist*innen vorgehalten wird, sie wären nicht fähig zur Empathie oder würden nur in schwarz-weißen Denkmustern festhängen.
  • Verweist man auf Inklusion und ein Recht auf Teilhabe, kann man nahezu entwürdigende Erfahrungen machen. In den Kommentarspalten kann man immer sehr gut beobachten, wie Forderungen eigentlich immer als völlig überzogen angesehen werden. „Was wollt ihr denn noch?“ oder „Ihr wollt immer eine Extrawurst“ sind die gängigen Aussagen. Als würde anderen dadurch etwas weg genommen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich einmal in einer Gruppe einen Post schrieb: Ich war enttäuscht darüber, dass mein Sohn nicht in den hiesigen Sportverein zum Trampolinturnen gehen durfte, ohne Kennenlernen. Ich wäre sogar dabei geblieben. Ich wurde dann darüber belehrt, dass man ja auch an die anderen Kinder denken müsse und gerade bei Mannschaftssportarten ginge das ja gar nicht. Das hätte dann ja was von „Hauptsache der Autist hat Spaß“, und der Rest müsse dann darunter leiden. Es wurde gar nicht in Betracht gezogen, dass ein behindertes Kind auch Stärken hat und durchaus auch eine Bereicherung für eine Gruppe sein kann. Ein behindertes Kind ist per se schon eine Belastung für solche Menschen.
  • Werbung in den sozialen Netzwerken für zweifelhafte und schadhafte Therapiemethoden und Organisationen. Bei Autismus wären das insbesondere Seiten und Gruppen, in denen ABA angepriesen wird und Seiten die dubiose Heilversprechen mit MMS machen. Dazu jegliche Werbung für Organisationen wie Autism Speaks.
  • Impfgegnerpropaganda und andere Verschwörungstheorien. Es ist vielen vielleicht nicht klar, aber Autist*innen haben es nicht verdient, dass man ihnen so begegnet, als wären sie das Übel der Welt, das es unbedingt zu vermeiden gilt. Zudem wollen sie einfach nicht für eine Agenda wie diese missbraucht werden. Das interessiert viele Menschen aber schlicht nicht.
  • Memes mit eindeutigen Botschaften: ein ganz schlimmes Meme sah ich vor einiger Zeit auf Facebook. Darauf war jemand zu sehen, der gerade ein autistisches Kind überfahren hatte, sich damit rühmte und sich des Danks der Nachbarschaft sicher war.
  • Aussagen wie „Stell dich nicht so an“ oder „du ruhst dich auf deinem Autismus aus bzw. nutzt ihn als Ausrede“. Die Liste könnte man jetzt ewig weiter führen, aber ich denke, es ist klar, was ich damit meine.
  • Die sogenannten „Pity Parents“ und andere Angehörige, die die Behinderung ihrer Kinder als Bürde und Last sehen, der sie sich aber heroisch entgegen stellen. Menschen, die nicht müde werden zu erklären, wie schlimm ihr Leben mit einem behinderten Kind ist (nur zur Erklärung: ich meine damit nicht, dass Eltern und Angehörige nicht auch einer belastenden Situation ausgesetzt sein können und dies nicht auch sagen dürfen.). Es gibt ganze Gruppen, in denen sich gegenseitig mit individuellen Leidensgeschichten hochgepuscht wird. Dabei geht es weniger um Lösungswege im Sinne der Betroffenen, sondern schlicht um Selbstdarstellung.
  • Aussagen von Eltern wie: „Euch wünsche ich so ein Kind auch mal“. Das ist zunächst ein vielleicht nachvollziehbarer Impuls, wenn man auf Unverständnis im Alltag trifft. Aber autistische Kinder und solche mit zb. ADHS sollten nie eine Strafe für intolerante Menschen sein müssen, und es ist auch nicht ihre Aufgabe, aus ihren Mitmenschen ein tolerantes Umfeld zu machen.
  • Hasskommentare, Drohungen, Mord- und Gewaltphantasien gegen Menschen mit Behinderungen, die in der Öffentlichkeit durch ihr vehementes Auftreten als unbequem angesehen werden. Ein prominentes Beispiel ist Greta Thunberg, und ich denke, das muss ich nicht weiter ausführen. Jeder kennt die Hassbotschaften, mit denen sie überschüttet wurde.
  • Klassisches Mobbing: sich lustig machen über das Aussehen, Verhalten oder Gebrechen von Menschen mit Behinderungen. Vielleicht erinnern sich manche über die Gestik von Donald Trump, als er einen Journalisten nachäffte. Solche Dinge passieren auch abseits von Challenges immerzu.
  • Das Negieren und Kleinreden vom Erleben Betroffener. Es gibt unzählige Beispiele dafür, sie alle haben eines gemein: Betroffene werden schlicht nicht ernst genommen. Dies kann den Leidensdruck durch die Behinderung betreffen, aber auch die Kompetenzen, die man mit bringt . Ebenso werden häufig individuelle negative Erfahrungen mit Inklusion herunter gespielt. „Das müsse man doch verstehen, man kann eben nicht alles haben und soll sich mit dem zufrieden geben, was man hat“.
  • Das Absprechen von Kompetenzen. Manche Menschen scheinen der Meinung zu sein, dass Menschen mit Behinderungen nichts können, keinerlei Kompetenzen mit bringen und die Gesellschaft nicht bereichern können. Sie reduzieren Betroffene auf ihre Defizite und nutzen diese gegen sie. So sprechen sie ihnen Teilhabe und Selbstbestimmung ab.
  • Der Ruf nach Euthanasie. Gerade aus dem rechten Spektrum kommen immer wieder Impulse, dass es doch besser wäre, behinderte Kinder nach der Geburt (oder besser schon in der Schwangerschaft) zu ermorden. Denn behinderte Kinder will man weder sehen noch überhaupt deren Existenzrecht anerkennen. Es gibt auch weniger „offensichtliche“ Aussagen wie: hätte man das nicht vorher wissen können?

Ich könnte die Liste sicher ewig fortführen. Gerade auch wenn man tiefer in die Thematik einsteigt, gibt es Dinge, die viele Betroffene gerne beachtet hätten, wie die Verwendung bestimmter Begriffe oder Symbole. Aber um diese Dinge geht es hier nicht einmal. Es gibt so viele vermeintliche Kleinigkeiten, die mir permanent im Alltag auffallen. Und während ich das so schreibe, sehe ich es schon vor mir, wie einige denken, dass ich übertreibe. Nichts darf man mehr sagen, gell? Aber es sind viele kleine und große Respektlosigkeiten und reelle Diskriminierungen, die ich mehrfach am Tag lesen muss. Kaum einer denkt darüber nach, wie solche Aussagen bei Betroffenen ankommen. Manchmal wird sich vielleicht noch darüber empört, aber die wenigsten Menschen müssen ja damit leben. Aber Sprache hat unheimlich viel Einfluss und ist ein Abbild unserer Gesellschaft. Das ist wie die Diskussion um das „Z……Schnitzel“, es verletzt die meisten Betroffenen und das sollte man akzeptieren und im Umgang respektieren. Es gibt kein Recht auf einen herabwürdigenden Umgang mit Betroffenen.

Leider ist es mittlerweile so, dass die Grenze dessen, was man sagen darf, deutlich ausgeweitet wurde. Die Menschen wundern sich über die zunehmende Verrohung von Sprache, Werteverfall und Respektlosigkeiten im Alltag. Mich wundert das im Grunde so gar nicht, denn viele Menschen sind auch keine wirklichen Vorbilder mehr. Sie praktizieren Ausgrenzung und Diskrimierung täglich in den sozialen Netzwerken, bedrohen und beschimpfen diejenigen, die das anprangern und fühlen sich ihrerseits als Opfer einer moralisierenden politischen Korrektheit.

Ehrlich gesagt sehe ich es nicht als meine Aufgabe, solche Menschen zu pampern und ihnen auch noch Verständnis entgegen zu bringen. Damit erreiche ich nichts, keine Inklusion und keinen Abbau diskriminierender Strukturen auf so vielen Ebenen. Aktivismus muss unbequem sein, sonst kann man es gleich lassen. Also bleibt laut und selbstbestimmt. Lasst euch nicht einreden, dass ihr überreagiert, empfindlich seid und euch anstellt. Wer so etwas sagt, ist bereits Teil des Problems

Wenn die Angst immer da ist – Autismus und Angststörung als Komorbidität im Alltag

Wir alle kennen das Gefühl der Angst. Angst an sich ist erst mal auch nichts schlechtes. Sie bildet sozusagen einen Schutz- und Überlebensmechanismus, vor allem in Situationen, die eine Gefahr darstellen. Durch sie erkennen wir Gefahren überhaupt erst als solche und können gezielt reagieren und handeln. Menschen, die sich einer Gefahr ausgesetzt sehen, haben zwei Möglichkeiten: Angriff/Verteidigung oder Flucht. Erleben wir Angst, wird sozusagen unser kompletter Organismus in Alarmbereitschaft versetzt. Körperliche Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindelgefühle, Übelkeit, Atemnot begleiten den Zustand der Angst häufig. Diese Symptome sind bei Angsstörungen allgegenwärtig. Bei Panikattacken sind die Symptome ähnlich und/oder noch einmal stärker. Häufig kommen noch Todesangst, massives Engegefühl im Hals oder der Brust, Herz-Rhythmus-Störungen, Taubheitsgefühle, Zittern oder Beben, das Gefühl sich aufzulösen und Kälte- oder Hitzeschauer hinzu.

Bei Angststörungen treten Ängste ohne spezifischen Grund bzw. ohne wirkliche Bedrohungssituation auf. Man unterscheidet zwischen unspezifischen Ängsten und Phobien. Letztere sind an bestimmte Situationen, Räumlichkeiten oder Gegenstände gebunden. Da vor allem bei generalisierten Angststörungen die Angst allgegenwärtig ist, sind Betroffene dauerhaft einem hohen Stresslevel ausgesetzt. Das führt im Grunde dazu, dass Geist und Körper dauerhaft überfordert, überreizt und überaktiv sind. Bei Ängsten spannt beispielsweise die gesamte Muskulatur an, es kommt zu Verspannungen und chronischen Schmerzen. Das Gehirn spult permanente Bedrohungsszenarien ab, und kann nicht abschalten. Autist_innen entwickeln oft im Laufe ihres Lebens komorbide Störungen oder Erkrankungen. Angststörungen sind eine davon. Insbesondere das hohe Stresslevel, permanentes Maskieren und Kompensieren, andauernde Überforderung und das Gefühl diesen Situationen ausgeliefert zu sein, fördern die Entstehung von Angsterkrankungen. Aber auch traumatische Erlebnisse und PTBS können die Entwicklung einer Angststörung begünstigen. Ich persönlich empfinde neben der chronischen Migräne die Angststörung als die schlimmste und herausforderndste Komorbidität, die ich im Laufe der Jahre entwickelt habe.

Meine Angststörung begleitet mich schon, so lange ich denken kann. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in meinem Leben mal keine Angst gab. Das wurde mir bewusst, als ich vor etwas mehr als sieben Jahren mein zweites, sehr heftiges Burnout hatte. Ich war damals schon bei einem Neurologen in Behandlung und berichtete von meinen Ängsten, und dass ich es gar nicht anders kenne. Die meisten meiner Ängste sind an soziale Situationen und den Kontakt mit Menschen gebunden (Sozialphobie). Im Laufe der Jahre sind noch Phobien vor bestimmten Situationen hinzugekommen. Es kann aber auch sein, dass mich eine Angstattacke plötzlich und ohne erkennbaren Grund überfällt. Solche Attacken sind nicht an ein bestimmtes Szenario gebunden (zb ein Termin). Das passiert innerhalb weniger Minuten und es ist für mich nicht feststellbar, warum. Die Angst ist diffus und nicht wirklich greifbar. Begleitet wird sie bei mir von körperlichen Symptomen wie Verspannungen, Schüttelfrost, Herzrasen. Eine Angstattacke dauert bei mir, im Gegensatz zu einer Panikattacke, mehrere Stunden. Eine Panikattacke tritt ähnlich unvermittelt auf. Der Auslöser muss nicht immer sofort erkennbar sein, aber oft finde ich ihn im Nachhinein. Zudem gibt es bekannte Trigger, die bei mir eine Panikattacke auslösen. Eine Panikattacke äußert sich bei mir über Herzrhythmusstörungen, Taubheitsgefühle, die vom Kopf bis zu den Füßen hinab wandern, Atemnot, ein Gefühl des Kontrollverlusts, Kaltschweiß, „Nadelstiche“ auf der Haut und das Gefühl, mich aufzulösen. Da ich die Symptome kenne, weiß ich, dass so eine Attacke in der Regel nur wenige Minuten dauert.

Meine frühesten Kindheitserinnerungen dahingehend sind, dass ich abends immer Angst hatte ins Bett zu gehen. Der nächste Schultag stand wie eine unüberwindbare Hürde vor mir. Ganz besonders schlimm war es am Ende der Ferien oder sonntags. Die sozialen Regeln im Umgang mit anderen Kindern verstand ich nicht. Ich versuchte es entweder mit Imitation, indem ich Verhalten kopierte, oder ich verhielt mich so unauffällig wie möglich. Die Angst vor Zurückweisung, Mobbing und Ausgrenzung war stets präsent. Ich hatte das Gefühl, immer wachsam bleiben zu müssen. Es gab keinen unbeschwerten Kontakt zu Kindern, nichts was in irgendeiner Form losgelöst war. Mobbing und Hänseleien waren an der Tagesordnung. Ich wurde zwar zu Kindergeburtstagen eingeladen, aber es war meist alles andere als lustig. Insbesondere bei so bescheuerten Spielen wie „Wahrheit oder Pflicht“ und „Flaschendrehen“ musste ich als „fiese“ Aufgabe für andere herhalten. Bei einem Kindergeburtstag hielt ich es tatsächlich nicht mehr aus, packte meine Sachen und ging. Es gab Unterrichtsfächer, vor denen ich so große Angst hatte, dass ich regelmäßig vor diesen Stunden mit Magenschmerzen nach Hause musste. Meist war dies vor den Sportstunden. Sport war eine Tortur. Ich war nie gelenkig, immer etwas zu pummelig und hasste jede Form von Mannschaftssportarten. Ich wurde immer als Letzte in eine Mannschaft gewählt, oder man wollte mich gar nicht erst dabei haben. Zudem mussten wir Übungen vor der ganzen Klasse absolvieren. Alle anderen Schüler saßen dabei und konnten sehen, wie ich mich regelmäßig blamierte. Noch heute habe ich Angst, ich könnte beim Sport beobachtet werden.

Ab der 9. Klasse etwa hatte ich jeden Morgen Bauchkrämpfe. Ich hasste es schon, morgens zum Bus zu laufen, und die Gruppen anderer Schüler_innen zu sehen. Ich sah jeden Blick, jedes Gelächter, jedes Augenrollen. Systematisches Mobbing gehörte zu meinem Alltag. Ich schämte mich dafür, gab mir die Schuld und versuchte ständig, mich anzupassen. Einerseits wollte ich nicht auffallen, gleichzeitig hatte ich innerlich ein unbändiges Bedürfnis danach, unangepasst sein zu dürfen. Mit 16 bekam ich dann chronische Migräne. Migräne ist zwar eine eigenständige Erkrankung, aber sie wird massiv von Reizen und auch Ängsten/psychischem Stress getriggert. Ein nicht unerheblicher Teil von Angstpatienten leidet unter chronischen Schmerzen.

Mobbing zog sich bis zum Abitur in wechselnder Form durch. Noch heute fällt es mir extrem schwer, es mit Gruppen zu tun zu haben. Die Angst vor Menschen, vor Ausgrenzung, Erniedrigung und dem Gefühl, Erwartungen nicht gerecht werden zu können, ist immer da. Auch die Angst, dass sich ein geliebter Menschen gegen mich wenden könnte, ist präsent. Das begleitet mich mittlerweile in vielen kleinen Alltagssituationen. Im Grunde sind diese Ängste allgegenwärtig, denn schließlich besteht ein Großteil des Lebens aus sozialen Situationen. Selbst für Menschen wie mich, die insgesamt eher zurück gezogen leben.

Ich weiß noch, dass ich als Kind und Jugendliche immer dachte, dass irgendwann, wenn ich erwachsen bin, der Zeitpunkt kommen müsse, an dem mein Leben so etwas wie eine Selbstverständlichkeit bekommen würde. Keine Angst mehr vor der Schule oder dem Arbeitstag. Es gab aber bis zum Schluss nicht einen Tag, an dem ich nicht mit Herzrasen, Schweißausbrüchen oder weinend im Auto auf dem Parkplatz vor meiner Arbeitsstelle saß. Ich weiß nicht, ob man sich vorstellen kann, wieviel Kraft es kostet, sich jeden Tag dieser Angst zu stellen. Über Jahre hinweg. Es heißt ja immer, man müsse sich nur oft genug konfrontieren, die Angst dürfe nicht das Leben bestimmen und all sowas. Das mag vielleicht bei einer „kurzfristigen“ Angststörung der Fall sein, oder wenn die Umstände andere sind, bei mir hat das keinen positiven Effekt gehabt.

Mir nehmen meine Ängste und die diversen anderen Einschränkungen, die ich durch meinen Autismus und die chronischen Schmerzen habe, so viel Kraft, dass ich mir gezielt einteilen muss, welchen Ängsten ich mich derzeit stellen kann, und welchen nicht. Im Grunde kämpfe ich entweder gegen meinen Körper oder meine Ängste. Es ist unwahrscheinlich anstrengend, wenn man permanent dieser Angst und damit dem Gefühl der Bedrohung ausgesetzt ist. Stellt euch vor, ihr würdet euch immer bedroht fühlen, ihr hättet immer Angst vor dem, was kommt und euer Kopf würde diese Ängste immer und immer wieder abspielen. Stellt euch die schlimmsten Dinge vor, die Euch passieren können. So fühle ich mich den Großteil meines Lebens.

Um einen Eindruck zu verschaffen, wie weit Ängste den Alltag bestimmen können, zähle ich hier meine spezifischen Ängste bzw. die Situationen auf, die mir Angst oder Panik bereiten:

  • Soziale Situationen (eigentlich so ziemlich alle): Telefonate, Konflikte/Meinungsverschiedenheiten, Einkäufe, Partys, Gesprächstermine, Kennenlernen neuer Gruppen (zb in Kursen), Kontaktaufnahme im real Life, Angst vor Zurückweisung und Mobbing, Angst davor, Vertrauenspersonen zu enttäuschen oder Erwartungen nicht erfüllen zu können
  • Arztbesuche, medizinische Behandlungen, Zahnarzt
  • Zukunftsängste
  • Versagensängste und Angst, der Verantwortung nicht gerecht werden zu können
  • Verlustängste
  • Angst zu spät zu kommen
  • Spinnenphobie
  • Angst vor langen Autofahrten
  • Angst vor unbekannten Orten, mich nicht orientieren zu können
  • Angst vor der Nacht bzw Schlaflosigkeit
  • Angst vor Schmerzattacken
  • Angst davor, vor anderen Menschen zu essen

Viele dieser Ängste „übergehe“ ich, oder muss mich gezwungenermaßen damit auseinander setzen. Das ist mit einem großen Anstrengungsaufwand verbunden. Tatsächlich kann es dann sein, dass ich anderen Ängsten nicht mehr anders, als mit Vermeidung begegnen kann. Die Energie, mich dann einer weiteren Situation zu stellen, kann ich nicht mehr aufbringen.

Ich habe trotz zahlreicher Therapien keinen Weg aus der Angst heraus gefunden. Mittlerweile finde ich die meisten Therapieansätze ohnehin nur noch zynisch. Sie suggerieren mir, dass der Fehler bei mir liegt und ich mich nur ändern wollen müsste. Es wurde mir unterstellt, dass ich von meinen Diagnosen profitiere. So lange ich deswegen nicht arbeiten gehe, würde ich diese Spirale aufrecht erhalten. Meine Schmerzen, Depressionen und Ängste würden also diesem Zweck dienen (Krankheitsgewinn) und ich bin diejenige, die dieses „Konzept“ aufrecht erhält.

Es gab nicht eine Therapie, die mich bestärkt hat. Nie wurde mir gesagt, dass es legitim ist, wenn ich nicht kann, wie ich möchte. Das Ziel war immer, mich zum funktionieren zu kriegen. Auch dadurch habe ich angefangen, den Fokus darauf zu legen, dass ich „nicht funktioniere“. Die Weichen dafür waren sicher schon weitaus früher gestellt worden, aber sowas hilft nicht gerade, diese Mechanismen und Denkmuster abzubauen. Deswegen mache ich keine Therapie mehr.

Es gibt sicher Menschen, die von Verhaltenstherapie profitieren. Ich frage mich allerdings häufig, ob das wirklich immer der richtige Ansatz, gerade für Autist_innen ist (zumindest in der Art, wie es häufig angewandt wird). Für einige von uns ist das Stresslevel dauerhaft so hoch, der gesellschaftliche Druck und die Anforderungen im Alltag sind oft so massiv, dass es im Grunde nur sehr selten zu einem entspannten Alltag kommt. Wenn man dann allerdings lernt, sich Dinge zuzugestehen, das als selbstverständlich und legitim erachten kann, wird bereits im Vorfeld viel Druck abgebaut oder kann gar nicht erst entstehen. Viele Betroffene machen sich zudem zusätzlich Sorgen, da sie ihr Umfeld nicht enttäuschen oder verletzen wollen. Ich will damit nicht sagen, dass ich völlig gegen therapeutische Intervention bin, im Gegenteil. Therapie, wertschätzend und an die Betroffenen und diese Bedingungen angepasst, kann sehr hilfreich sein. Denn natürlich ist es nicht erstrebenswert, sich komplett zurück zu ziehen, vor lauter Angst das Zimmer nicht mehr verlassen zu können und permanent in Panik oder Angst zu leben. Nichts daran ist schön. Das therapeutisch anzugehen benötigt aber sehr viel Sensibilität, Zeit, Verständnis und ggf. Begleitung im Alltag. Vor allem Zeit haben die meisten Therapeuten in der Form nicht. Ich kenne aber einige Familien, in denen die Eltern mit solchen Ansätzen arbeiten, ihre Kinder behutsam und kleinschrittig begleiten und so auch Ängste abbauen können.

Manchmal gehen die Ängste auch nie weg, so wie bei mir. Dann ist es wichtig, dass man den Umgang damit erlernt. Das ist nicht einfach, da man im Grunde immer ein wenig gegen sich kämpfen muss, indem man zb. einem Fluchtreflex oder Vermeidung nicht nachgibt. Auch muss man lernen, dass es gute und schlechte Tage gibt. Auch die schlechten Tage dürfen sein und dann schafft man möglicherweise Dinge nicht, die an anderen Tagen selbstverständlich sind. An einem schlechten Tag diese Dinge nicht tun zu können, ist kein Verlieren oder Versagen. Man muss lernen und verstehen, dass dieser Kampf immense Kraft kostet, zusätzlich zum hohen Stresslevel, dem sehr viele Autist_innen ausgesetzt sind. In diesem Fall ist es völlig legitim, sich seine Kräfte einzuteilen oder ggf. Kapazitäten für andere Dinge aufzusparen. Aber all das habe ich in den vergangenen Jahren bei Therapien nicht gelernt.

Die autistische Community hingegen hat in dieser Hinsicht und für mein Seelenheil weit mehr getan, als jede Therapie. Das Selbstverständnis für Stärken und Schwächen ist ein ganz anderes. Vor allem ist es legitim, die eigenen Grenzen zu kennen und nicht permanent darüber hinaus gehen zu wollen. Stimming und auch schmerzhafte Skills sind anerkannt. Ruhepausen und Auszeiten werden nicht als Faulheit ausgelegt. Sie werden als Notwendigkeiten gesehen, einigermaßen durch den Alltag zu kommen. Sie sind überlebenswichtig. Mittlerweile weiß ich, dass ich meine Angststörung sogar ganz gut im Griff habe. Aber dieses Wissen habe ich mir erarbeitet, außerhalb von Therapien.

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